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aktuell
Die kulturellen Paradoxien der Globalisierung

Blicke im Widerstreit

anlaufend
Kulturen der Evidenz


Die IFK_Forschungsschwerpunkte sollen das wissenschaftliche Profil des IFK im Wege innovativer Themen stärken und auf die wissenschaftliche Arbeit und Debatte der GastwissenschaftlerInnen fokussieren.

Blicke im Widerstreit
Akademisches Jahr 2007 - 2008


Die Kontroverse um die Mohammedkarikaturen, die zu gewalttätigen Protesten in vielen islamischen Ländern geführt hat, scheint auf einem paradigmatischen Konflikt zu beruhen: einem Konflikt zwischen der säkularen Kultur des Westens und einer Kultur mit einem religiösen und politischen Ikonoklasmus. Visuelle Codes sind nicht neutral - sie sind vielmehr durch kulturelle und normative Unterschiede geprägt. Auch wenn manche diesen Konflikt als "Clash of Civilizations" wahrnehmen, lassen sich diese Formen des sozialen Protests, der religiösen Massenhysterie und des antiwestlichen Ressentiments als Folgen aus einem komplexen Zusammenspiel weltweit agierender Medien, religiöser und ethnischer Codierungen von Wahrnehmung sowie aus dem politischen Konflikt zwischen säkularen und religiös bestimmten Lebensweisen verstehen.

Westliche Kulturen scheinen vom Bilderkult geradezu besessen zu sein. Bilder sind konstitutiver Bestandteil der Lebenswelten der Menschen geworden. Im Gegensatz dazu ist der Blick in islamischen Kulturen strengen Regeln der Religion, der Geschlechterbeziehungen und der Würde unterworfen. Aus diesen Gründen wurden die visuellen Praktiken zu einem heftig umstrittenen Feld, in dem beide Kulturen eine klare, aber doch unterschiedliche Dialektik von Bildgebrauch und Blicktabus artikulieren. Die modernen Technologien der Echtzeitkommunikation und die durch Medienlogiken bestimmte internationale Politik begünstigen Auseinandersetzungen zwischen den monolithisch gesetzten Blöcken "Westen" und "Islam". Politische Konflikte innerhalb des Islams und zwischen islamischen Ländern sowie in den Diasporagemeinden in Europa werden vielfach als theologische Konflikte inszeniert. Dadurch werden die westlichen Länder gezwungen, wirtschaftliche und soziale Fragen, etwa die der Migrationspolitik, unter religiösen Vorzeichen zu verhandeln.

Aus diesem Anlass reformuliert das IFK seinen Forschungsschwerpunkt "Kulturen des Blicks" in Hinblick auf die Politik des Blicks und der kollektiven Wahrnehmung. Wir ermutigen Anträge, die sich mit widerstreitenden Blickkulturen auseinandersetzen und soziale Codierungen des Blicks untersuchen, in denen sich unterschiedliche Konzepte von Begehren, Bildverboten und Schamgrenzen widerspiegeln. Ikonophilie, Ikonophobie und Ikonoklasmus sollen innerhalb der Kontexte von westlichen und nicht-westlichen Kulturen und deren Bildsymboliken untersucht werden. Interessant sind die Wechselwirkungen zwischen Medien und einer sich international abzeichnenden Renaissance von Religiosität. Das gilt auch für die Differenzen zwischen islamischen und nicht-islamischen Blickregime, Regulierungen von Bildproduktion und -konsumption. Es ist wichtig, die verschiedenen symbolischen Ökonomien von religiöser und säkularer Ikonografie herauszuarbeiten. In Hinblick auf die Globalisierung soll der Forschungsschwerpunkt sich mit jenen visuellen Praktiken befassen, die trennend für Kulturen sind. Es geht hier auch um die transnationalen Mechanismen der Medien, die differente Formen des Blicks zu produzieren scheinen: zum einen hybride und translokale Kulturen des Blicks und zum anderen Reserven und Widerstände gegen universalisierte visuelle Codes und Formen des Medienkonsums.

Verschiedene Kulturen und Politiken des Blicks können als Phänomene innerhalb kultureller Konstellationen gedeutet werden, in denen symbolische, soziale und subjektive Komponenten in historisch je spezifischer Weise zusammentreffen. So verstanden ist "The Politics of Looking" als Forschungsgegenstand weder zufällig noch willkürlich: vielmehr bietet er die Möglichkeit, den vielen Dimensionen des Blicks - ästhetischen, sozialen, historischen, politischen und religiösen - Rechnung zu tragen. Die Vielschichtigkeit des Themas ermöglicht die Beantragung interdisziplinär orientierter Projekte aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten, Diskursen und Medien sowie in Hinblick auf unterschiedliche Bild-Text-Konstellationen.

Das IFK ist nicht an ausschließlich theoretisch oder empirisch ausgerichteten Anträgen interessiert, sondern an Projektformulierungen, die konzise empirische Forschungen mit umsichtiger theoretischer Reflexion verbinden. Interdisziplinär konzipierte Einreichungen, die eine klar formulierte Fragestellung beinhalten sowie eine exzellente Kenntnis der relevanten Disziplinen und Forschungsansätze demonstrieren, haben die besten Chancen durch den Internationalen Wissenschaftlichen Beirat des IFK positiv beschieden zu werden.


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