 |
 |
 |

 | 
 |
 |
 |
|
19. März 2007Richard Weihe: Copy and Paste (pdf)
Copy und Paste. Zum wissenschaftlichen Ich als MontageRichard Weihe zur Technik des Copy and Paste im wissenschaftlichen Schreiben. In seinem Artikel geht es ihm weniger um den Ruf der Wissenschaft, als vielmehr um den "inneren Schaden", den die WissenschafterInnen durch ihren Verzicht auf die Entwicklung eines eigenen "wissenschaftlichen Ichs" erleiden.
Im vergangenen Herbst geisterte wieder einmal das Wort Plagiat durch die Tageszeitungen. Es handelte sich allerdings nicht um einen Romanautor, dem geistiger Vampirismus unterstellt wurde, sondern um den Fall einer angehenden Wissenschafterin, der für viel Wirbel sorgte. Größere Teile einer an der Universität Klagenfurt eingereichten Magisterarbeit waren angeblich ohne Quellenverweise direkt aus dem Internet heruntergeladen worden. Bald trat ein selbst ernannter "Plagiatsjäger" auf den Plan, der behauptete, bei solchen Fällen handle es sich nur um die Spitze des Eisbergs, was die öffentliche Entrüstung noch zusätzlich schürte. Im Zuge dieser Debatte wurde nicht weniger als eine Krise der Textproduktion in den Kulturwissenschaften diagnostiziert.
Versuchung Internet
Die enorme Versuchung, die das Internet im Bereich der wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten darstellt, ist augenfällig: Auf dem PC mit Internetanschluss kann ich meine Arbeit nicht nur tippen, ich kann sie mir gleich aus bereits geschriebenen Textpassagen in eigener Regie zusammenstellen. Aus der alten Schreibmaschine ist ein autoszientifischer Apparat geworden, der selbst das "Wissen" herbeischafft, der Antworten auf alle Fragen weiß, die ich ihm stelle - ein anscheinend allwissendes elektronisches Gehirn. Die "wissenschaftliche Arbeit" verkommt damit zum Angelsport: Der Fischer wirft einige Suchbegriffe wie Köder ins große Datenmeer der Gelehrsamkeit, auf jeden Angelhaken beißen hunderte, tausende von Fischen an. Selbstverständlich ist dieses "Google-Copy-Paste-Syndrom" (Stefan Weber), das Montieren von Textblöcken, nur noch eine Travestie der wissenschaftlichen Praxis, eine grelle Parodie des Selberdenkens, ein einziger Gehirn-Bypass des angeblichen "Autors". Man kann Studierenden, die sich unrechtmäßig im Internet bedienen, um schnell und mit geringem Aufwand zu einem Studienabschluss zu gelangen, den Vorwurf machen, ihnen fehle ein "intellektuales Gewissen", worüber sich schon Nietzsche in einem Abschnitt seiner Fröhlichen Wissenschaft Gedanken machte. Aber wann hätten die Betreffenden in der Anonymität des Universitätsbetriebs auch die Möglichkeit gehabt, ein solches zu entwickeln? Kann man es ihnen denn verdenken, wenn sie nur noch maskiert hervortreten, als hätten sie sich jenes "larvatus prodeo" des jungen Descartes auf die Fahne geschrieben? Freilich bedient sich Descartes hier einer Metapher: Gemeint war seine Rolle als Philosoph auf der "Bühne der Welt", nicht der Auftritt im Wissenschaftsbetrieb als Nichtphilosoph in der Maske des Philosophen.
Die Wissenschaft - ein Theater?
Es ist in der Tat unübersehbar, dass sich der Wissenschaftsbetrieb zunehmend theatralisiert und sich dabei zu einem reinen Alibi, einer Theater-Wissenschaft des "Als ob" entwickelt. Die Kreativität verlagert sich auf das Kaschieren der Autorschaft unbotmäßig angeeigneten Gedankenmaterials. Es scheint, die Wissenschaft mache gegenwärtig eine Periode des "science pour science" durch, in der sie - gleich ihrem künstlerischen Vorbild, dem "l'art pour l'art" - ohne jede Welthaltigkeit um sich selber kreist. Vorhandene Texte werden wie Spielkarten gemischt, in immer neuen Kombinationen zusammengestellt und als Novum angeboten. Nun wollen die Universitäten Klagenfurt und Wien diese peinliche Entwicklung aufhalten. Universitätsschriften sollen von spezieller Software auf Plagiate durchkämmt werden. Software soll also durch Software bekämpft werden. Die überführten AutorInnen werden an den Pranger gestellt, wie im Mittelalter mit Schandmasken bekrönt und auf einen Spießrutenlauf durch die Medien gehetzt. Plagiate werden als Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz und die Moral geahndet. Aber damit ist die Sache nicht abgetan. Die sich häufenden Vorkommnisse von Textraub zeugen von einer tiefgreifenden Verunsicherung und Orientierungslosigkeit im universitären Wissenschaftsbetrieb. Zu beobachten ist die zunehmende Selbstentmündigung der Studierenden, ausgerechnet derjenigen also, von denen erwartet wird, dass sie zur Verbreitung des Selbstdenkens in der Gesellschaft beitragen. Statt vom Ehrgeiz getrieben, eigenständige Thesen zu formulieren und sich von bereits Veröffentlichtem abzugrenzen, lassen sie sich dazu verleiten, sich hinter Gestrigem zu verstecken. In einer frappanten Umkehr des Leitspruchs der Aufklärung, mit dem Kant zum Exit aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" aufrief, wird im Gegenteil das Enter in eine neue, auch diesmal nicht weniger selbstverschuldete Unmündigkeit gesucht. Von Fortschritt kann keine Rede sein, nicht einmal von einem Fortschreiten: Es wird nur mehr auf Karussellpferdchen herumgeritten. Wohlwollende ProfessorInnen winken jedes Mal dieselben Pferdchen durch, wenn sie nach einer Runde wieder vorbeikommen, nur weil sie einen neuen Reiter haben. Das Copy-Paste-Syndrom ist nur technisch gesehen eine Neuerscheinung. Wenn man genauer hinsieht, entlarvt es sich als radikale Form einer wissenschaftlichen Konditionierung hin zum unkritischen Denken-mit-den-Gedanken-Anderer, die lange vor den technischen Errungenschaften des Internet Einzug in die Universitäten gehalten hat. Das Cogito-ergo-sum im Sinne eines Denkens in der ersten Person wird einem regelrecht ausgetrieben. Von früh auf wird einem nahegelegt, dass die eigene Subjektivität unmaßgeblich sei, ausschlaggebend sei vielmehr das Zitat, das Schreiben mit den Worten anderer. Es hat sich eine Art Sprechblasenwissenschaft herausgebildet, die auf dem Prinzip gründet, "das hat der gesagt, nicht ich".
Selbstläufer Fußnote
Wenn eine Fußnotenkultur die Tatsache, dass eine Fußnote vorhanden ist, höher bewertet, als ihren Inhalt, dann wird ein Klima geschaffen, in dem Fußnoten zum Selbstläufer werden, Wissenschaftlichkeit nur noch simuliert wird. Die chronisch überlasteten ProfessorInnen, die die zusammengestoppelten Texte zu lesen bekommen, kennen das "Gesicht", den persönlichen Rede- und Schreibstil ihrer Studierenden nicht und sind außerstande, eine Differenz zu der "Maske" wahrzunehmen, mit der sie konfrontiert werden. Denken ist zu einem Maskenspiel geworden. Daher hat ein Kandidat, der des Plagiats überführt wird, auch kein Gesicht zu verlieren, höchstens eine Maske. Der "zinnere" Schaden des Kopieren-und-Einfügens ist jedoch weit größer als der externe. Das wissenschaftliche "Ich" verschwindet gänzlich, der innere Adressat des akademischen Schreibens wird gar nicht mehr angeschrieben. Ein intensives Training des Kopf- und Handwerks erscheint als dringendes Desiderat. Vieles spräche dafür, wissenschaftliches Schreiben als obligatorisches Nebenfach in den Kulturwissenschaften einzuführen. Dazu gehört die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit den neuen Medien als Hilfsmittel in der Wissenskultur, nicht als Selbstzweck. Doch das wäre ohnehin nur ein Nebenschauplatz. Die Hauptsache wäre, den angehenden AkademikerInnen ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln, so dass sie ohne Scham, mit Selbstsicherheit und Lust wieder "cogito" sagen können: "ich denke".
Richard Weihe ist Privatdozent an der Fakultät für das Studium fundamentale der Privaten Universität Witten/Herdecke und forscht über Maskierungsformen in der Gesellschaft. Im Wintersemester 2006/2007 war er IFK_Senior Fellow.Previous Next
|
|
|  |