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02. Oktober 2006Lutz Musner: Zwischen Prekariat und Karriere (pdf)
Zwischen Prekariat und Karriere. Überlegungen zur Lage des wissenschaftlichen NachwuchsesLutz Musner
Die Kulturwissenschaften florieren, neue Forschungsansätze und Methoden, neue „Turns“ und Paradigmen beleben die akademische Debatte und das Feuilleton. Auch in der Forschungsförderung gewinnen die interdisziplinär orientierten Kulturstudien zunehmend an Aufmerksamkeit und erhalten dementsprechend mehr Finanzmittel zugeteilt. Und dennoch ist die Situation der jungen ForscherInnen, die sich auf dieses Feld einlassen und eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollen, schlecht, und die Karrierechancen sind sehr begrenzt. Auch wenn die Zahl verfügbarer Forschungsstipendien und der Umfang der Forschungsmittel in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben, wird die Lage am akademischen Arbeitsmarkt als zunehmend unsicher und prekär wahrgenommen. Die tiefgreifenden Reformen der Universitäten im Zuge von Bologna-Prozess und Budgeteinsparungen tragen zusätzlich zum Gefühl bei, einer „lost generation“ anzugehören, und lassen bei vielen den Eindruck entstehen, dass es wenig Aussicht auf langfristige Stellen und bruchlose Laufbahnen gibt. Im Bereich der außeruniversitären Forschungseinrichtungen herrscht zudem ein harter Wettbewerb, da solche Einrichtungen großteils auf Drittmittelfinanzierung angewiesen sind und im besten Fall eine befristete Mitarbeit an Forschungsprojekten anbieten können. Es gibt im Gegensatz zu früher zwar wesentlich mehr Optionen für KulturforscherInnen, sich auf Projektforschung einzulassen bzw. eigene Forschung im Rahmen von Stipendien voranzutreiben, aber zugleich gibt es einen De-facto-Ausschluss vieler talentierter WissenschafterInnen von einer Laufbahn innerhalb der Institutionen des Wissens. Und es gibt einen Ausschluss von beruflichen Langzeitperspektiven, die es erlauben würden, eine Familie zu gründen und den Wunsch auf eigene Kinder zu realisieren. Das heißt, dass zunehmend junge HumanwissenschafterInnen in einer Art Dauermoratorium gefangen sind, in dem sie weder ideelle Perspektiven noch finanzielle Absicherung vorfinden.
Der Kopfarbeiter als „Netzopportunist“
Man kann diese Situation im Sinne des Zeitgeistes als kreativitätsfördernd und produktiv bewerten und das Überangebot an NachwuchswissenschafterInnen im Verhältnis zu den offenen Stellen als exzellentes Instrument der Elitenauswahl betrachten, man kann die Flexibilisierung, Dynamisierung und zunehmende Internationalisierung der Arbeitsmärkte als taugliches Mittel für eine Effizienzsteigerung der Forschung und der Universitäten ansehen, und man kann die schwindenden Zukunftsperspektiven für die „soft sciences“ als probates Korrektiv sehen, um mehr Talente und Begabungen in die beruflich und wirtschaftlich attraktiveren Naturwissenschaften und Technikwissenschaften umzuschaufeln. Man kann aber auch einen anderen Blick auf diese Situation werfen. Die französischen SoziologInnen Luc Boltanski und Ève Chiapello haben darauf aufmerksam gemacht, dass die Flexibilisierung, Fragmentierung und Prekarisierung der Arbeitsmärkte für KopfarbeiterInnen im neuen Kapitalismus einen Sozialtypus befördern, den sie als NetzopportunistInnen bezeichnen. Für Intellektuelle als NetzopportunistInnen kommt es wesentlich darauf an, „Aufmerksamkeit“ zu provozieren und anzusammeln. Sie nützen die Kontakt- und Wissensressourcen der Netzwerke, in denen sie sich bewegen, dazu, symbolisches Kapital auf Kosten anderer zu akkumulieren. Die geringe Kontrolldichte des akademischen Feldes erlaubt gleichermaßen ein „Abkupfern“ des Wissens Dritter wie auch ein „Wildern“ in fremden Territorien. Selbst sinnwidrige Ausritte in andere Disziplinen gelten so als originell, eine hohe Beweglichkeit auf dem Markt der Theoriemoden gilt nicht als flach und substanzlos, sondern als innovativ und avantgardistisch. „Dank seiner Mobilität hat der Netzopportunist einen Vorsprung gegenüber seinen eventuellen Konkurrenten, d. h. in vielen Fällen gegenüber seinen Mitarbeitern und Freunden, und kann vor ihnen etwas Neues (ein Produkt, eine Idee, einen Text etc.) öffentlich machen, das von nun an mit seinem Namen und seiner Person in Verbindung gebracht wird. Der Netzopportunist war erfolgreich, wenn am Ende eines Projektes etwas auf ihn zurückgeht und öffentlich mit seinem Namen verbunden wird. Dieses Etwas hat nicht unbedingt die Stabilität und Objektivität, die ein Kunstwerk auszeichnet. Für den Netzopportunisten (wie für den Performancekünstler) ist nur wichtig, für ein Event gesorgt zu haben, das seine Signatur trägt.“ (Luc Boltanski, Éve Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003, S. 396) Diese Diagnose enthält für das Feld der Kulturwissenschaften, und nicht nur für dieses, einigen brisanten Sprengstoff. Sie verweist nämlich auf eine zumeist unbeachtete politische Ökonomie der akademischen Arbeit, die ihren Inhalten und ihrer Qualität gegenüber nicht äußerlich bleibt, sondern sie wesentlich mitbestimmt. Wenn Forschungs-, Universitäts- und Arbeitsmarktpolitiken zunehmend dazu übergehen, Produktion ohne Verstetigung, Qualifikation ohne Vertiefung, Innovation ohne Institution und Kreativität ohne Kontrakt anzustoßen und dergestalt signifikante Teile der hochqualifizierten Jugend in prekäre Berufsperspektiven entlassen werden, wird eine neue Mentalität befördert, die den Erfordernissen einer nachhaltigen Wissenschaftsentwicklung fremd gegenübersteht. Es entsteht so nämlich eine freibeuterische, opportunistische und egomanische Geisteshaltung, der die Regeln einer libertären Gelehrtenrepublik und eines Wissenschaftsethos gleichgültig sind oder die den Regelverstoß sogar zum Prinzip individuellen Fortkommens erhebt.
Karriereorientierung vs. „human costs“
Netzwerkopportunismus und Karriereorientierung um jeden Preis als Ultima Ratio der unternehmerisch umgestülpten Universität und einer Ideologie der nomadischen Kreativität ohne Rücksicht auf „human costs“ vertragen sich aber schlecht mit den kulturellen und infrastrukturellen Voraussetzungen hochwertiger kulturwissenschaftlicher Forschung und Lehre. Denn Qualität ist nicht Folge parasitärer Selbstermächtigung, und Exzellenz ist nicht Resultat von performativen Strategien zur Steigerung von Aufmerksamkeit. Qualität und Exzellenz entstehen vielmehr durch eine kluge und umsichtige Verschaltung von fairem Wettbewerb und beruflicher Perspektive. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt eindrucksvoll, dass herausragende Leistungen vor allem in einem Umfeld gedeihen, in dem – mit Ralf Dahrendorf gesprochen – Optionen und Ligaturen angeboten werden und somit das individuelle Risiko in einem rationalen Verhältnis zur sozialen Absicherung steht. Als dritte wesentliche Zutat kommt noch der Zeitfaktor hinzu, denn brillante Aufsätze, herausragende Bücher, gute Lehrveranstaltungen und exzellente externe Leistungen wie z. B. Museumsausstellungen entstehen nicht per Knopfdruck und unter rigiden Zeitvorgaben, sondern sie entstehen in einem Kontext, der auch Zeit für Lernprozesse, für Umwege und für Irrtümer ermöglicht. Das heißt aber für die Wissenschaftspolitik, dass der wissenschaftliche Nachwuchs nicht nur kurzfristig angelegte Stipendien, Preise und Projekte braucht, um wissenschaftlich reüssieren zu können. Er braucht bei entsprechender fachlicher Bewährung vor allem die Chance auf langfristige Anstellung, um das hervorzubringen, was alle Verantwortlichen gebetsmühlenartig wiederholen, nämlich wissenschaftliche Leistungen von internationalem Rang und hervorragender Reputation.
Lutz Musner, Programmleiter und stellvertretender Direktor des IFK, publiziert zu den Bereichen Stadtforschung, Stadtgeschichte und Kulturwissenschaften.Previous Next
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