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24. Oktober 2007Jan Altmann: Schöne Wirksamkeit (pdf)
Jan Altmann: Schöne WirksamkeitWissenschaftliche Bilder begeistern nicht selten durch ihre Schönheit. Sie bestechen durch Farben und Formen wie sie einem sonst nur in Kunstmuseen begegnen. Ein Beispiel derartiger Bilder sind die Fotografien und Computergrafiken des diesjährigen Visualization Challenge der Zeitschrift Science und der US-amerikanischen National Science Foundation. Mittlerweile ist es jedoch nichts Ungewöhnliches mehr, dass Bilder aus der Wissenschaft die in ihnen transportieren Fakten ästhetisch verpacken. Man braucht nur die Titelseiten einschlägiger Magazine zu betrachten oder Webseiten aus der Welt der Wissenschaft zu besuchen, um von der Brillanz solcher Bilder in den Bann gezogen zu werden. Parallel dazu bedienen sich Mediakünstler wie Christa Sommerer und Laurent Mignonneau oder Fotografinnen wie Felice Frankel und Claudia Fährenkemper zur Anfertigung ihrer künstlerischen Arbeiten teurer und komplexer technischer Ausrüstungen wie sie nur in Forschungslabors vorhanden sind. Zwischen Visualisierungen in Wissenschaft und Kunst, so scheint es, sind die Grenzen fließend geworden.
Ist ein schönes Bild auch wissenschaftlich wertvoll?
In Bezug auf die Darstellung von Bildern in der Wissenschaft stellt sich die Frage, ob besonders schöne Bilder aus der Wissenschaft auch die wissenschaftlich aussagekräftigsten sind. Viele Bilder, die uns heute besonders naturgetreu und damit wissenschaftlich erscheinen, wie die Naturstudien Albrecht Dürers oder Maria Sibylla Merians oder auch die um 1900 entstandenen Makro- und Mikroaufnahmen des Wiener Fotografen Martin Gerlach, sind nicht aus eindeutig wissenschaftlichen Zusammenhängen hervorgegangen oder waren vorrangig nicht für ein wissenschaftliches Publikum gedacht. Dem gegenüber können Bilder spröde, konstruiert und naturfern und folglich wenig wissenschaftlich erscheinen, obwohl sie aus explizit wissenschaftlichen Kontexten stammen, wie die Holzschnitte in Conrad Gesners Naturgeschichte der Tiere oder die mittels bildgebender Verfahren erzeugten Darstellungen in aktuellen naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften.
Bleibt die Frage, wie ästhetisch wissenschaftliche Bilder wirklich sind. Versteht man unter "ästhetisch" nicht ausschließlich "schön" im Sinne von "wohlgefällig" oder "künstlerisch" und definiert man Ästhetik nicht als Philosophie der Kunst oder des Schönen, sondern als die "Lehre von den Sinnen", bezieht sich das Ästhetische auf das Sinnliche, auf das mit den Sinnen Wahrnehmbare. Nimmt man eine solche Ästhetik für wissenschaftliche Bilder an, liegt ihre Wirksamkeit in der sinnlichen Erscheinung und deren Wahrnehmung. Zugleich besteht jedoch ein umgekehrtes Abhängigkeitsverhältnis, indem die sinnliche Erscheinung und Wahrnehmung wissenschaftlicher Bilder Bedingungen für ihre wissenschaftliche Wirksamkeit sind. So besteht ein ständiges Wechselspiel von Wahrnehmung und Wirksamkeit wissenschaftlicher Bilder.
Darüber hinaus wurden und werden vielen ursprünglich wissenschaftlichen Bildern künstlerische Qualitäten zugesprochen. Umgekehrt kommt es oft vor, dass Kunstwerke mit bildgebenden Techniken angefertigt wurden, die normalerweise nur bei der Herstellung wissenschaftlicher Darstellungen Anwendung finden und dass sie Sujets verwenden, die wir eher in der Welt der Wissenschaft vermuten würden. Dies macht deutlich, wie nah Kunst und Wissenschaft beieinander liegen können. Besonders schwer ist die Grenze zwischen diesen beiden Welten bei apparativ hergestellten Bildern zu ziehen. Das liegt an ihrem hoch technischen, scheinbar so kunstfernen Herstellungsprozess. Ein manuelles Eingreifen der künstlerischen Kreativ- ität ist dabei nicht möglich, zumindest nicht direkt an der Stelle, an der sich letztendlich das Bild abzeichnet. Demgegenüber Umgekehrt ist bei scheinbar wissenschaftlichen Bilder oftmals nicht festzustellen, ob sie tatsächlich für einen spezifisch wissenschaftlichen Gebrauch gedacht waren. Beispiele davon lassen sich in der frühen Fotografie entdecken.
Eine Clematis vor der Gesellschaft der Ärzte
Als sei sie ein Emblem für die Verquickung von Kunst und Wissenschaft, ist die älteste erhaltene österreichische Daguerreotypie ausgerechnet eine Mikroskopaufnahme. Sie stammt von dem international renommierten Physiker und Mathematiker Andreas von Ettingshausen und gibt den Querschnitt durch den Stengel einer Clematis wieder. Aufgenommen wurde diese Mikrodaguerreotypie während einer Sitzung der "Gesellschaft der Ärzte" am 5. März 1840 und bildet zweifellos eine der Pionierleistungen in der Geschichte bildgebender Verfahren. Außerdem jedoch eröffnet sie als bildliche Komposition durch ihre Form und Erscheinung, aber auch durch ihren Bildgegenstand einen Raum für die künstlerischen Möglichkeiten des damals brandneuen Mediums Fotografie. Dessen Ästhetik wiederum beschränkt sich nicht auf den Bereich der Kunst. Es gilt, die Bilder aus dem Bereich wissenschaftlicher Fotografie und anderer Bildtechniken ästhetisch in den Blick zu nehmen und herauszufinden, warum sie "so schön wirksam" sein können.
Dr. des. Jan Altmann studierte Kunstgeschichte, Philosophie, Europäische Ethnologie und Wissenschaftsgeschichte in Marburg, Zürich, Berlin und Paris. Er wurde 2005 in Berlin mit einer Arbeit zur visuellen Repräsentation von empirischem Wissen promoviert. Anschließend war er Postdoctoral Research Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und Visiting Scholar am Department of History and Philosophy of Science der Universität Cambridge. Zurzeit freier Wissenschafter und Reiseleiter. Publikationen u. a.: Republikanische Wendung des Nationsdiskurses: zur Rhetorik von Ernst Cassirers Rede "Die Idee der republikanischen Verfassung", in: Politisches Denken. Jahrbuch 2002, Stuttgart/Weimar; Rezension von: Robert Felfe, Naturgeschichte als kunstvolle Synthese: Physikotheologie und Bildpraxis bei Johann Jakob Scheuchzer, in: H ArtHist, H Net Reviews, September 2004; Färbung, Farbgestaltung und früher Farbdruck am Ende der Naturgeschichte, in: "Farbstrategien". Bildwelten des Wissens: Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik, 4.1, 2006; Robert Koch, in: John Hannavy (Hg.), Encyclopedia of Nineteenth-Century Photography; New York (im Druck).Previous Next
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