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18. August 2008Jürgen Trabant: Über das Ende der Sprache (pdf)
Jürgen Trabant: Über das Ende der SpracheNachdem über den Ursprung der Sprache neuerdings wieder intensiv geforscht wird, scheint es – auch angesichts bestimmter Entwicklungen in unserer aktuellen Kultur – an der Zeit, einmal über deren Ende nachzudenken. "Sprache" wird dabei in einem humboldtschen Sinne nicht nur als kommunikative, sondern primär als kognitive Aktivität aufgefasst, die sich in einer zweifachen Artikulation (des Lauts und der Welt) historisch-kulturell in den verschiedenen Sprachen der Menschheit manifestiert. Gegen ein unmittelbar bevorstehendes Ende der Sprache sprechen anscheinend die geradezu explosionsartig ausgeweitete Omnipräsenz des Sprechens in der aktuellen Kultur sowie die biologische Angeborenheit der Sprachfähigkeit.
Die Sehnsucht nach einer sprachlosen Erkenntnis der Welt
Bei einem Blick auf die europäische Sprachreflexion fällt dennoch auf, dass in den beiden Wurzeln unserer Kultur eigentlich von Anfang an das Ende der Sprache mitgedacht bzw. geradezu betrieben wird: Die Philosophie sehnt sich seit Platon ("Kratylos") nach einer sprachlosen Erkenntnis der Welt. Die kognitive Leistung der Sprache wird also gerade als Hindernis wahrer Erkenntnis kritisiert. Damit tritt Wissenschaft von vornherein als Gegnerin der Sprache an. Aristoteles löst das Problem zunächst einmal für ein paar Jahrhunderte, indem er die Sprache aus der kognitiven Dimension herausnimmt. In der religiösen Tradition Europas wird andererseits gerade die kommunikative Leistung der Sprache kritisiert und durch die Einsetzung sprachlicher Verschiedenheit beendet bzw. behindert: Verschiedenheit und Historizität, Wesensmerkmale menschlicher Sprache, sind also in unserer Kultur als Ende der paradiesischen Einheitssprache und der universalen Kommunikation durch den biblischen Mythos von vornherein negativ besetzt. In Antike und Mittelalter ist diese doppelte Sprachkritik aber zunächst nicht virulent, weil ohnehin paradiesische sprachliche Zustände, "einerlei Zunge", jedenfalls für die Intellektuellen, herrschen. Sobald sich aber seit dem Spätmittelalter die verschiedenen Volkssprachen in höheren Diskursen bemerkbar machen, wird mit dem Babel-Mythos gegen sie angekämpft. Gerade Dante, der Begründer der italienischen Nationalliteratur, ersehnt ein Ende der Sprachen in seiner Polemik gegen deren Verschiedenheit und Wandelbarkeit. Der Kampf gegen die verschiedenen Sprachen radikalisiert sich mit der zunehmenden Einsicht in die Tiefe der sprachlichen Verschiedenheit. Europas Denker erkennen nämlich, dass die Sprachen nicht nur verschiedene Laute (wie bei Aristoteles), sondern verschiedene Denkweisen, "Weltansichten" (Humboldt), sind. Philosophie und Wissenschaft der Neuzeit greifen daher die Platonische Sprachkritik wieder auf und setzen zum letzten Gefecht gegen das in den Sprachen sedimentierte "falsche" Denken an, von Bacon über die gesamte Aufklärungsphilosophie bis zu Frege, Wittgenstein I und die analytische Philosophie. Dabei ist richtig, dass Wissenschaft die Sprache hinter sich lassen muss. Falsch daran ist aber, was Wittgenstein II ja gesehen hat, das Sprachspiel der Wissenschaft für das einzig relevante zu halten. Allerdings bestimmt es doch in unserer von Wissenschaft geprägten Kultur die Auffassung von Sprache und betreibt deren Ende. Das Ende der Sprache wird außerdem von Seiten einer irrationalistischen Gefühls-Kultur in den Künsten aktiv in Szene gesetzt. Zwischen Wissenschafts-Kultur einerseits und Körper-Kultur andererseits hat eine von einem humboldtschen Sprachverständnis geprägte Sprach-Kultur nur geringe Chancen.
600 aus 6000. Welche Sprachen sind dabei?
Zu diesem Befund passen die folgenden Beobachtungen, die allerdings systematischer Erforschung bedürften. Es sind insgesamt Entwicklungen, die eine umfassende Sprachlichkeit des Menschen gefährden: Dramatisch zeigt sich das Ende der Sprache im Verschwinden Tausender von Sprachen in kürzester Zeit. Man geht davon aus, dass von den ca. 6000 noch existierenden Sprachen am Ende des Jahrhunderts noch 600 weitergesprochen werden. Dieser katastrophale Verlust menschlicher Kultur erregt vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Das Deutsche wird bei diesen weiterexistierenden Sprachen dabei sein. Allerdings wird es hinsichtlich seiner SprecherInnenzahl deutlich abnehmen, seinen vorderen Platz unter den am meisten gesprochenen Sprachen der Welt verlieren. Vor allem aber wird seine Funktion als "Kultursprache" geschwächt, es wird sich auf ganz wenige Diskurse beschränken und damit vielleicht die Funktion einer Koinè der deutschen Sprachgemeinschaft nicht mehr erfüllen. Auch dieses Ende könnte leidenschaftlicher beklagt und damit vielleicht teilweise abgewendet werden. Noch nicht hinreichend erforscht sind die Auswirkungen der medialen Revolutionen des letzten Jahrhunderts auf die Psychodynamik des sprechenden Menschen (zoon logon echon). Ong hat die kulturellen und psychischen Konsequenzen der Schriftlichkeit gegenüber der alten Mündlichkeit systematisch aufgezeigt. Eine entsprechende Bestandsaufnahme für die neuen medialen Transformationen steht noch aus. Bewirken die Omnipräsenz von Musik und Bildern gegenüber der alten (mündlichen und schriftlichen) Sprach-Welt eine Veränderung des anthropologischen Typus des Menschen? Dies befürchten französische Kulturtheoretiker, die einerseits eine Reduktion sprachlicher Artikulationstätigkeit zugunsten "animalischer" Kommunikationsformen bei Jugendlichen beobachten und die andererseits die totale Ausblendung poetisch-literarischer Sprachkultur zugunsten einer exklusiv rationalen Sprachverwendung konstatieren. Sie bemerken und kritisieren damit von verschiedenen Seiten her ein Ende von "Sprach-Kultur" im emphatischen Sinn, gegen das sie sich in der öffentlichen Diskussion engagieren. Eine umfassende Thematisierung des Endes der Sprache müsste natürlich auch das individuelle Verstummen durch Krankheit, Überwältigung, intentionalen Sprachverzicht und Tod umfassen.
Jürgen Trabant ist Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Gastprofessuren an der Stanford University (1988/89, 1991), Universität Leipzig (1992), University of California, Davis (1997), EHESS-Paris (1998, 2003), Limoges (2003). Publikationen u. a.: Was ist Sprache?, München 2008; Cenni e voci. Saggi di sematologia vichiana, Neapel 2007; Mithridates im Paradies. Kleine Geschichte des Sprachdenkens, München 2003; Der Gallische Herkules. Über Sprache und Politik in Frankreich und Deutschland, Tübingen 2002.Previous Next
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