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19. Mai 2010Die Schuppen vor den AugenArtikel erschienen in der FAZ, 19. Mai 2010
DIE SCHUPPEN VOR DEN AUGEN
Eine Diskussion über Zeichnen und Fotografieren als biologische Erkennungsmittel Von Jan von Brevern, IFK_Junior Fellow
Naturwissenschaftler zeichnen. Auch mehr als anderthalb Jahrhunderte nach Erfindung der Fotografie und trotz all der heute verfügbaren technischen Verfahren zur Bildgebung bevorzugen besonders Biologen für viele Aufgaben immer noch Bleistift und Papier. Die Gründe dafür haben sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert. "Die fühllose Jodsilberplatte zeichnet ohne Wahl", argumentierte der Fotopionier Hermann Vogel 1879, "sie liefert die Nebensachen in einem mikroskopischen Präparat, den Schmutz, die unwesentlichen Beimengungen mit ebenso großer, ja oft mit größerer Deutlichkeit, als die Hauptsachen." Die Fotografie schien dem unvollkommenen Einzelding mit all seinen zufälligen Fehlern und Abweichungen ausgeliefert, während sich in der Zeichnung ein momentaner Seheindruck mit der langjährigen Erfahrung des Wissenschaftler zur Darstellung eines idealen Typus verbinden konnte. Vor allem aber wurde das Erlernen des Zeichenhandwerks als eine "Schule des Sehens" beschrieben, der Prozess der zeichnerischen Aneignung eines Objektes als ein Erkenntnisvorgang, dem die mechanische Fotografie nichts vergleichbares entgegensetzen konnte. "Durch Photographieren lernt man nicht beobachten", stellte der Schweizer Geologe Albert Heim kurz vor der Jahrhundertwende klar. Solche kategorischen Feststellungen blieben natürlich nicht unwidersprochen. Bekannlich hatte auch die Fotografie ihre prominenten Fürsprecher, die wiederum mit Genauigkeit oder Objektivität argumentierten. Weil aber die Entscheidung für ein bestimmtes Bildmedium immer auch eine epistemologische Entscheidung war, stellte sich bald der Eindruck zweier unversöhnlicher Fronten ein: entweder man fotografierte, oder man zeichnete. Und wenn heute gesagt wird, dass Biologen zeichnen, dann ist damit immer noch gemeint, dass sie eben nicht fotografieren.
In der Praxis allerdings sah das schon im 19. Jahrhundert anders aus. Fotografie und Zeichnung ergänzten sich im Forschungsalltag eher, als dass sie miteinander konkurrierten. Einen erhellenden Einblick in das auch heute noch komplizierte Zusammenspiel der beiden Medien bot nun ein Vortrag von Barbara Wittmann (Berlin). Auf einer Tagung zum Thema "Ästhetisches Wissen", die am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien stattfand, sezierte sie die Zeichnung einer australischen Seezunge, die erst 2007 als eigene Spezies beschrieben worden war. Im mehrstufigen Vorgehen von Nils Hoff, Zeichner am Museum für Naturkunde in Berlin, erkannte sie ein Beispiel für die von Michael Polanyi entwickelte Kategorie des tacit knowing - ein implizites und prozessuales Wissen, das hier gewissermaßen in der Hand steckt und im Zeichenprozess aktiviert wird. Im Falle des Aseraggodes corymbus erschien das einleuchtend, konnte Wittmann doch vorführen, wie Hoff sich dem präparierten Fisch näherte, indem er verschiedene Repräsentationsebenen - etwa der Schuppen, der Muskelstränge und der Pigmentierung - zunächst zeichnend trennte und am Schluss im Computer zu einem einheitlichen Bild vereinte. Erst auf diesem konnten Strukturen und Einzelheiten identifiziert werden, die wiederum in die Erstbeschreibung der Spezies einflossen. Julia Gelshorn (Wien), Mitorganisatorin der Tagung, machte darauf aufmerksam, dass Bilder dabei durch eine ästhetische Praxis zu wissenschaftlichen Erkenntnisinstrumenten würden.
Allerdings beschränkt sich diese ästhetische Praxis nicht auf die Zeichnung, sondern umfasst einen ganzen Medienverbund. Wie deutlich wurde, orientiert sich der Zeichner bei der Arbeit nicht nur am Präparat, sondern greift auf ein Arsenal von Instrumenten und Bildern zurück - unter anderem auf selbst angefertigte digitale Fotografien. Durch Veränderungen des Kontrasts wird auf diesen Fotos etwas sichtbar, das am Präparat selbst kaum zu erkennen ist, wie die Geometrie des Schuppenmusters. Die Zeichnung wiederum isoliert Strukturen aus der Fotografie, identifiziert mit ihrer Hilfe Organe und glättet akzidentelle Unregelmäßigkeiten. Beide Bildmedien sind wechselseitig aufeinander angewiesen, und es entsteht die etwas paradoxe Situation, dass die Zeichnung die Fotografie braucht, um etwas sichtbar zu machen, das auf dem Foto selbst unsichtbar bliebe.
Deutlich zu erkennen waren auf den Fotos hingegen die Verletzungen und Beschädigungen, die noch vom Fischernetz und der Präparation stammten. Aus dem Publikum stellte Gastgeber Helmut Lethen (IFK Wien) die Frage, ob damit die Fotografie nicht zu einem Medium der Erzählung werde. Was man im 19. Jahrhundert als Fühl- und Wahllosigkeit beschrieben hatte, bekam plötzlich einen Zug ins Poetische: Die Fotografie erzählte vom Fischfang, aus der Zeichnung hingegen waren mit den Störungen auch alle Geschichten eliminiert worden.Previous
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