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Vortrag
01. März 2010
IFK
18 Uhr c.t.
Gerhard Neumann

IFK_Gast des Direktors

Gerhard Neumann: Bildungsroman oder Parabel? Franz Kafkas Projekt des Leben-Erzählens

Es war immer schon ein Problem der Forschung, darüber zu entscheiden, wodurch Franz Kafka Weltgeltung erlangt hat: durch seine Romanfragmente, die sein Freund Max Brod als vollendet präsentierte, oder durch seine Kurzprosa, die eine neue Form der Parabel in die Literatur brachte. Walter Benjamin machte den Vorschlag, Kafkas Texte als die eines Scheiternden zu lesen: eines Autors, dem das Projekt des Leben-Erzählens in der Form des Bildungsromans nicht gelingt. Aber schon Kafka selbst erkennt die kritischen Punkte seines Projekts, nämlich den Anfang und das Ende seines "Bildungsromans", an denen dessen weitere Ausarbeitung scheitert. Anfang und Ende als Krisenpunkte: Organisches Wachstum, mit dem eine Lebenskarriere beginnt, steht technisch-konstruktiver Arbeit, mit der sie endet, gegenüber - Evolution also contra Architektur. Beispielhaft für diese Konstellation von Evolution und Architektur ist Kafkas Amerika-Roman "Der Verschollene". Als die Ausarbeitung des Romans stockt, beginnt Kafka die Problemkomplexe, die sich am Anfang und am Ende abzeichnen, zu isolieren. Er verlagert sie gewissermaßen in zwei kürzere Texte: den "Bericht für eine Akademie" und jenen anderen, "Der Bau". Hier werden sie als kontrastierende Krisenszenarien von Organismus und Architektur ausgearbeitet. Es ist dieser Punkt, an dem Gerhard Neumanns in Wien auszuarbeitendes Projekt anschließt.

IFK: Pressemitteilung


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