Claudia Hamm
IFK_Translator in Residence


Zeitraum des Fellowships:
01. März 2019 bis 30. Juni 2019

Claudia Hamm

PROJEKTTITEL

Rübermachen. Worüber setzt (sich) eine Übersetzung hinweg?



PROJEKTBESCHREIBUNG

Aus der Feder des Schriftstellers und Selbsttheoretikers Serge Doubrovsky kennen die meisten nur ein einziges Wort: Autofiktion. Doubrovsky definierte damit 1977 in Fils (Söhne/Fäden) eine Erzählform, „deren Stoff vollständig autobiografisch und deren Stil vollständig fiktional ist“. Doch Autofiktion ist auch Autofriktion: Bewusstes reibt sich an Unbewusstem. „Die Revolution der Psychoanalyse hat auch die autobiographische Landschaft verwüstet“, lautet Doubrovskys Begründung für das Prekärwerden von Erzählerinstanz, Chronologie, syntaktischer und grafischer Ordnung in seinen Büchern. Solche fliehenden Texte sind nicht fassbar. Will man sie für einen anderen Sprachraum erschließen, muss das Übersetzerhirn gleichwohl ein Etwas konstruieren. Es beginnt, eigene (Un-)Bewusstseinsinhalte einzuspeisen.

In einem selbstreflexiven, selbst autofiktionalen Essay hinterfragt Claudia Hamm literarische Übersetzungen als Gemeinschaftswerke, die nicht notwendig ein Wir-Gefühl voraussetzen. Mehrere AutorInnen schreiben sich in einen Text ein, der Transfer von Sprache in Sprache erzeugt Verwandlungen der ästhetischen, inhaltlichen und emotionalen Verbindungen in einem Text. Die Löcher in diesem Netzwerk vermehren sich dabei ebenso wie die Fäden und Zusammenhänge.



CV

Claudia Hamm ist Theaterregisseurin, Autorin und Übersetzerin. 1969 in Jena geboren, verließ sie 1983 mit ihrer Familie die DDR, studierte Germanistik und Philosophie in Paris, Freiburg i. Br. und Antofagasta/Chile. Nach Engagements wie am Burgtheater Wien war sie als Regisseurin u. a. mit ihrem Ensemble 15febbraio/Turin und eigenen Stücken an verschiedensten Theatern und bei Festivals in Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent. Sie unterrichtete an der Akademie der bildenden Künste Wien und der Freien Universität Berlin, schreibt regelmäßig Essays (u. a. für den Merkur) und tritt als Sprecherin und Performerin auf. Für ihre Übersetzungen – u. a. der Werke von Emmanuel Carrère, Édouard Levé, Mathias Énard und Nathalie Quintane – erhielt sie zahlreiche Stipendien, war 2016 für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und wurde mit dem Übersetzerpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet.



Publikationen

Stück/Regie: Nothing/Special, UA Burgtheater Wien 2000; Umherschweifende Produzentinnen, UA Sophiensaele Berlin 2004; die putzen, UA Théâtre des Bernardines Marseilles 2009; still live, UA Festival delle Colline Turin 2011;Don Quixote zusammen_gereimt, UA Kitzbüheler Sommerkonzerte 2016; Essays: „Oh man. Eribon und Ernaux lesen“, in: Merkur 825/2018; „Wem gehört ein übersetzter Text?“, in: Merkur 827/2018; Übersetzungen: Joseph Andras, Die Wunden unserer Brüder, München 2017; Emmanuel Carrère, Der Widersacher, Berlin 2018; Emmanuel Carrère, Ein russischer Roman, Berlin 2017; Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes, Berlin 2016; Emmanuel Carrère, Alles ist wahr, Berlin 2014; Emmanuel Carrère, Limonow, Berlin 2012; Mathias Énard, Der Alkohol und die Wehmut, Berlin 2016; Ivan Jablonka, Laëtitia oder das Ende der Mannheit, Berlin 2019; Édouard Levé, Selbstmord, Berlin 2011; Nathalie Quintane, Wohin mit den Mittelklassen?, Berlin 2018.

24
Juni
2019
18:15
  • Lecture
IFK
Claudia Hamm

Wer Grenzen passiert hat, lebt fortan in der Drehtür: zurück und nach vorn, beides immer zugleich. Ein übersetzter Text wendet sich sowohl dem Original als auch den Lesern der neuen Sprachgemeinschaft zu. Serge Doubrovsky, der Erfinder des Genres „Autofiktion“, ist nie übersetzt worden. Wie hört man einem „Zerbrochenen Buch“ zu, wenn man es für einen neuen Sprachraum erschließen will? Wer schreibt mit? Mit wie vielen Stimmen spricht ein (übersetzter) Text?

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