Stephanie Rieder
ÖAW/IFK_Junior Fellow


Zeitraum des Fellowships:
01. Oktober 2020 bis 30. Juni 2021


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rieder@ifk.ac.at

Stephanie Rieder

PROJEKTTITEL

Sexualität. Ehe. Gericht. Das Sprechen über Sexualität in Ehegerichtsakten zwischen 1783 und 1938



PROJEKTBESCHREIBUNG

„In dem Ehevertrage erklären zwey Personen gesetzmäßig ihren Willen, in unzertrennlicher Gemeinschaft zu leben, Kinder zu zeugen, sie zu erziehen, und sich gegenseitigen Beystand zu leisten.“ Die noch immer gültige Definition der Ehe in § 44 des Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches verweist mit der Nennung der Zeugung von Kindern bereits auf einen Kernbereich der Ehe, die eheliche Sexualität, welche auch den Gegenstand des vorliegenden Projektes bildet. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Thematiken wie die Leistung der „ehelichen Pflicht“ zum Geschlechtsverkehr vor Gericht ebenso angesprochen wie die Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten. Als „Brennpunkte“, welche ab dem 18. bzw. 19. Jahrhundert Diskurse über den Sex schufen, sind daher nicht nur die von Foucault genannte Medizin, Psychiatrie oder Strafjustiz anzuführen, sondern auch die Zivilgerichtsbarkeit. In diesem interdisziplinären Projekt werden Ehegerichtsakten aus dem Raum des heutigen Wien und Niederösterreich aus den Jahren 1783 bis 1938 unter anderem dahingehend untersucht, wie von verschiedenen AkteurInnen (wie zum Beispiel den Parteien vor Gericht, den Richtern und dem Gesetzgeber) über Sexualität gesprochen wird. Damit soll auf neuer Quellenbasis ein weiterer Beitrag zur Veranschaulichung der historischen Wandelbarkeit des Verständnisses von Sexualität geleistet und Brüche und Kontinuitäten im Sprechen über Sexualität im Zeitraum von 150 Jahren sichtbar gemacht werden.



CV

Stephanie Rieder absolvierte zuerst ein Studium der Rechtswissenschaften, gefolgt von einem Studium der Geschichte an der Universität Wien, und arbeitete mehrere Jahre als juristische Mitarbeiterin in einer großen Wirtschaftsanwaltskanzlei. In ihrem interdisziplinären Dissertationsprojekt beschäftigt sie sich mit der Thematisierung von Sexualität in Ehescheidungs- bzw. Eheannullierungsverfahren im Gebiet des heutigen Wien und Niederösterreich zwischen 1783 und 1938. Von Juni 2017 bis Juli 2018 war sie Praktikantin des FWF-Forschungsprojektes Eheprozesse zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Seit 2019 ist sie DOC-team-Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und arbeitet gemeinsam mit Kolleginnen aus den Fachbereichen Geschichte und Soziologie am interdisziplinären DOC-team-Projekt Doing Divorce. Scheidungsprozesse vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Seit Herbst 2019 ist sie außerdem wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Universität Wien.