Buchrezension von Matthew Johnson: "The Naked Truth: Viennese Modernism and the Body" (Chicago: University of Chicago Press, 2020) von Alys X. George

The Naked Truth: Viennese Modernism and the Body (Chicago: University of Chicago Press, 2020) von Alys X. George

Sowohl in der populären Vorstellung als auch in der Forschungsliteratur wird die Kulturgeschichte der Wiener Moderne vordergründig in Bezug auf die Psychoanalyse betrachtet. Die weltbekannten Gemälde Klimts und Schieles – ausgestellt im Leopold Museum und im Belvedere in Wien – und die noch immer vielgelesenen Texte Hofmannsthals und Schnitzlers werden gewöhnlich als Ausdrucksformen des Unbewussten oder als Auseinandersetzungen mit der Psyche verstanden. Doch in diesem Zusammenhang bleibt der Körper – in welchem Gedanken und Gefühle wohnen – immer wieder unberücksichtigt oder wird nicht ernst genommen. Wie sollen wir die nackten und verzerrten Leiber Schieles oder die ikonenhafte Nuda Veritas Klimts begreifen? Welche Rollen spielen Anatomie und Medizin in der literarischen Tätigkeit des Arztes Arthur Schnitzler oder in der Entwicklung der Psychoanalyse? Welche andere Sichtweise auf die Wiener Moderne lässt sich aus der Perspektive des Körpers gewinnen? Im neu erschienen Buch The Naked Truth: Viennese Modernism and the Body beschäftigt sich Alys George, Literaturwissenschaftlerin und Kulturhistorikerin, mit solchen und anderen Fragen.

George erzählt eine alternative Geschichte der Wiener Kultur des Fin-de-siècle und der Zwischenkriegszeit. Sie konzentriert sich auf den Körper und seine vielfältigen Darstellungsformen – als Lebewesen oder Leiche, als Kunst- und Wissensgegenstand oder als utopischer Ort. The Naked Truth spannt ein weites, vieldisziplinäres Feld, das die Literatur- und Kunstgeschichte, die darstellenden Künste wie Theater und Tanz, die Populärkultur, die Medizin- und Wissenschaftsgeschichte und die turbulente Politik dieser Zeit umfasst. Indem Alys Georges Interesse nicht nur dem „homo psychologicus“ gilt, den Carl Schorske in seiner einflussreichen Studie Fin-de-siècle Vienna: Politics and Culture (1979) als die Schlüsselfigur der Wiener Moderne identifizierte, sondern vor allem dem „homo physiologicus“, eröffnet sie neue Perspektiven auf die Wiener Kultur jener Epoche. Damit beteiligt sie sich auch an einem wachsenden Forschungsfeld zu Körper und „Embodiment“ – zusammen mit u. a. Elaine Scarry, Karl Toepfer, Gabriele Brandstetter und (mit spezifischem Bezug auf die Wiener Moderne) Nathan Timpano.

In vier umfangreichen und gründlich recherchierten Kapiteln verfolgt Alys George die vernachlässigten Spuren des "Körpers" in Wien. Sie schildert die historisch verankerten Netzwerke, die von der Entstehung der zweiten Wiener Medizinischen Schule bis in die Zeit des Roten Wiens zwischen Ärzten und Intellektuellen aufgebaut wurden. So enthüllt George die somatischen Aspekte der Werke bekannter Schriftsteller wie Schnitzler, Peter Altenberg, Joseph Roth und Vicki Baum. Außerdem richtet sie ihr Augenmerk auf die Kadaver in Carry Hausers Grafiken und auf den „sichtbaren Körper“ in der Filmtheorie Béla Balázs’; auf Hofmannsthals Experimente mit Pantomime und Tanz; auf die Performances Josephine Bakers und Grete Wiesenthals; und auf die Körperkultur und die verschiedenen Formen der Körperpflege, die in dieser Zeit populär wurden. Die von ihr analysierten Hygiene-Ausstellungen und Filme finden angesichts der COVID-19-Pandemie besondere Resonanz.

Zudem bringt die Autorin die Biografien vergessener Persönlichkeiten – vor allem die von Schriftstellerinnen und Tänzerinnen – wieder ans Tageslicht. Sie beleuchtet z. B. die wenig gelesenen literarischen Texte Marie Pappenheims, ihre in der Fackel veröffentlichten Gedichte und ein Libretto, das sie für ein musikalisches Monodrama Arnold Schönbergs verfasste. Pappenheims beruflicher Werdegang dient als Beispiel für die Verschränkung von Medizin und Kultur, denn nicht nur war sie eine der ersten Frauen, die das Medizinstudium in Österreich abschlossen; ihre Ausbildung – insbesondere ihre Erfahrungen in der Leichenautopsie – fand auch Eingang in Gedichte wie „Seziersaal“. Darüber hinaus begründete sie gemeinsam mit Wilhelm Reich die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung in Wien.

Parallel dazu bringt Alys George Marie Pappenheims Schaffen mit dem von Ilka Maria Ungar und Else Feldmann in Verbindung, die versuchten, die gesellschaftlich ignorierte missliche Lage werdender (und oft armer) Mütter zu erfassen. Diese jüdischen Schriftstellerinnen brachen mit eingefleischten Tabus, wenn sie die Schwierigkeiten und das Elend der schwangeren Arbeiterinnen und deren Familien darstellten. In diesem Zusammenhang zieht die Autorin auch einen kritischen und faszinierenden Vergleich mit Schieles Serie von Bildstudien zu schwangeren Frauen an der Frauenklink der Universität Wien. So beschäftigt sich George intensiv mit den ethischen und politischen Auswirkungen von Körperbildern und ihren Repräsentationen. Sie fokussiert auf die marginalisierten und minorisierten Körper von Frauen, Juden und Menschen der Arbeiterklasse sowie auf die „zerbrochenen“ Körper der Kriegsinvaliden nach dem Ersten Weltkrieg. Überdies arbeitet sie die zutiefst rassistischen Völkerschauen im Wiener Prater auf, in welchen afrikanische Männer und Frauen – die sogenannten „Aschanti“ – zur Schau gestellt wurden.

In ihrem wegweisenden Buch malt Alys George ein neues Bild – mit dem Körper als Zentrum – einer viel studierten und oft missverstanden Epoche, ohne vor den dunklen Seiten und der „nackten Wahrheit“ zurückzuschrecken. Daher präsentiert George den Körper – und damit Wien – als Ort des Schmerzes und der Unterdrückung, aber auch als Ort des Vergnügens und der Verheißung. Um einen Begriff Musils zu verwenden, legt sie den Möglichkeitssinn des Körpers offen.

 

Zum Autor der Rezension: Matthew Johnson studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik und Judaistik in Chicago, Berlin und New York und absolvierte Praktika im Archiv des Jüdischen Museums Berlin und am Leo Baeck Institute in New York. Seit 2015 promoviert und lehrt er am Department of Germanic Studies an der University of Chicago. In seiner Dissertation befasst er sich mit den Beziehungen zwischen der deutschen und der jiddischen Literatur im 20. Jahrhundert. Darüber hinaus ist er zurzeit auch Mitglied im Redaktionsteam des Literaturmagazins Chicago Review und der Posen Society of Fellows in Jewish Studies sowie Translation Fellow am Yiddish Book Center in Amherst. Er war im Studienjahr 2019/2020 Fulbright/IFK_Junior Fellow (http://www.ifk.ac.at/fellows-detail/matthew-johnson.html).

 

Zur Autorin: Alys George ist Assistenzprofessorin und Leiterin der Undergraduate Studies in der Abteilung für Germanistik an der New York University, wo sie auch als Affiliate Faculty am Zentrum für European- and Mediterranean Studies tätig ist. Sie ist derzeit Franz Werfel-Stipendiatin des österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung/Österreichischer Austauschdienst und war Fulbright/IFK Junior Fellow.