Chinesische Science-Fiction und Corona

Chinesische Science-Fiction und Corona

Seit Liu Cixin 1995 den „Hugo Award“ für seine Trilogie San Ti („Die drei Sonnen. Trisolaris-Trilogie“) und die Physikerin und Wirtschaftswissenschaftlerin Hao Jingfang ihn 2016 für die beste Erzählung Beijing Zhedie („Peking falten“) gewonnen haben, ist in China ein regelrechter SF-Boom ausgebrochen, der sich in einer Flut literarischer Werke, aber auch Verfilmungen niederschlägt. Auch die chinesische Regierung hat das Potenzial dieses Genres erkannt; sie sieht darin eine Facette des „chinesischen Traums“ – der Leitidee von Xi Jinping –, also des Wunsches nach Erneuerung der chinesischen Nation durch technischen Fortschritt. Sie nutzt Science-Fiction, um dem Leser den Stand von Wissenschaft und Forschung nahezubringen. Darüber hinaus scheint Science-Fiction in der Literatur (und bis zu einem geringeren Grad im Film) eines der wenigen chinesischen Kulturprodukte zu sein, das auch im Ausland bestehen kann, und wird daher von der Regierung in ihre Soft-Power-Strategie inkorporiert.

Angesichts der Corona-Pandemie hat die Übersetzerin Gu Bei eine Reihe von chinesischen SF-Autoren interviewt und nach ihrer Sicht auf die Pandemie befragt.

 

Die Pandemie in den Augen eines Science-Fiction-Autors

Ein Interview mit Wu Yan

 

Gu Bei

https://www.bilibili.com/read/cv5641302/

 

Es gibt nur sehr wenige Menschen in Science-Fiction-Kreisen, die Science-Fiction wissenschaftlich erforschen und den Schriftsteller Wu Yan nicht kennen, denn er ist es, der seit Jahren den Ton in der akademischen Forschung im Bereich von Science-Fiction in China angibt und neue Wege in der Science-Fiction-Forschung beschreitet.

Wu Yan lehrte früher an der Beijing Normal University. Bereits 1991 unterrichtete er das Wahlfach „Science-Fiction: Lektüre und Forschung“, das der erste Kurs zu Science-Fiction-Literatur in China war. 2003 startete Wu Yan gemeinsam mit Wang Quangen und anderen den ersten Master-Studiengang in Science-Fiction-Literatur in China, und 2015 wurde Wu Yan der erste Doktorvater für Science-Fiction-Literatur in China. Fei Dao, Shi Heiyao, Jiang Zhenyu, Zhang Fan, Xiao Han, Cai Yun usw. waren alle seine Schüler, und auch Yang Peng, Xing He, Liu Yang usw. haben Wus Unterricht besucht, und nach wie vor ist die Struktur dieses universitären Kurses zu Science-Fiction-Literatur sehr erfolgreich. Gleichzeitig hat Wu Yan durch das Schreiben, Übersetzen und Redigieren Dutzender theoretischer Science-Fiction-Werke ein theoretisches System chinesischer Science-Fiction aufgebaut und damit seinen Status als Grundlagenforscher etabliert.

Im Laufe der Jahre hat Wu Yan mehr als ein Dutzend Master-Student*innen und vier Doktorand*innen betreut. Viele seiner Student*innen sind inzwischen selbst Science-Fiction-Autor*innen geworden und bereichern nun die literarische Welt mit ihren Werken. Jiang Zhenyu, der erste Doktorand in Science-Fiction in China, ist heute der Hauptbetreiber des Instituts für Science-Fiction-Studien an der Universität Sichuan; ein weiterer Student, Zhang Fan, hat das Diaoyu City Science Fiction Center am Yitong Institut der Universität Chongqing für Post und Telekommunikation gegründet, das sich auf die Ausbildung von Schriftsteller*innen und die Entwicklung literarischer Werke konzentriert. Xiao Han, der gemeinsam mit Jiang Zhenyu seinen Abschluss an der Beijing Normal University machte, beabsichtigt, wieder an die Universität zurückzukehren und sich der Science-Fiction-Arbeit zu verschreiben. Liu Yang, der ursprünglich Physik studiert hat, belegte während seines Studiums an der Beijing Normal University Wahlfächer wie „Science-Fiction-Film“. Er hätte wohl nicht erwartet, dass der von Wu Yan unterrichtete Science-Fiction-Schreibkurse ihn auf den Weg der Science-Fiction bringen und er nicht nur einen Science-Fiction-Bestseller schreiben würde, sondern er auch dank Wu Yan als Science-Fiction-Lehrender am Center for Humanities an der Southern University of Science and Technology landen würde.

Vor zwei Jahren wechselte Wu Yan nach Südchina, um Professor an der Southern University of Science and Technology in Shenzhen zu werden, wo er das Research Center for Science and Human Imagination leitet, das erste interdisziplinären Forschungsinstituts in China, das die Entwicklung der Imagination, die Zukunftsprognose und die Entwicklung von Populärwissenschaft und Science-Fiction untersucht. Laut Wu Yan soll dieses Forschungszentrum drei Fragen untersuchen: 1. Was ist Vorstellungskraft, d. h. die Erforschung der menschlichen Vorstellungskraft durch die grundlegenden Methoden der Psychologie und der Hirnforschung; 2. die Erforschung der aktuellsten Probleme von Technologie und Gesellschaft mit Schwerpunkt auf Zukunftsforschung und der Untersuchung der Frage, welche Richtung die Zukunft von Technologie und Gesellschaft einschlagen wird; 3. die Erforschung von Science-Fiction-Werken und deren Entwicklung, d. h. die Frage, wie man Science-Fiction, Technologie, Gesellschaft und menschliche Vorstellungskraft kombinieren kann, um auf Grundlage von Erkenntnissen der ersten beiden Bereiche weitere hervorragende Science-Fiction-Werke zu schaffen. Im März 2020 wurde das von Wu Yan herausgegebene Buch „Science Fantasy: Ein Lehrplan zur Förderung der Fantasie und wissenschaftlichen Innovation bei jungen Menschen“ vom Jiangsu Phoenix Arts Publishing House veröffentlicht.

 

Wie sieht ein Science-Fiction-Autor die Pandemie?

Wu Yan: Science-Fiction ist eine Art von Literatur, die sich über viele Dinge den Kopf zerbricht. Die Pandemie ist in der Tat ein Thema für Schriftsteller*innen, egal ob für Science-Fiction-Autor*innen oder andere Schriftsteller*innen. Doch das Thema Pandemie bietet Science-Fiction-Autor*innen die Chance, mit Extremsituationen zu experimentieren. Wenn sie zum Beispiel über das Ende des Universums und das Ende der Zeit schreiben können, warum können sie dann nicht auch darüber schreiben, was passiert, wenn der Mensch als Spezies vor seinem Ende steht? Die Pandemie bietet eine solche Gelegenheit, und Werke wie Orson Welles' Der Krieg der Welten oder Wang Jinkang Siji konghuang („Panik Stufe 4“) thematisieren alle das Aussterben der Menschheit. Darüber hinaus tritt das Thema der Pandemie oft gemeinsam mit dem Thema des Kriegs auf. Gu Junzhengs Lundun yiqing („Die seltsame Krankheit von London“) zum Beispiel beschreibt eine Epidemie, die mit einem Krieg einhergeht. Sehr oft folgt auf einen Krieg oder ein Erdbeben eine Epidemie, so dass eine Epidemie auch als begleitendes Thema auftreten kann. Im Allgemeinen sind die Teile der Science-Fiction, die sich mit einer Epidemie befassen, eher düster und rufen beim Leser unangenehme Gefühle hervor. Tatsächlich beschäftigt sich Science-Fiction, verglichen mit dem Thema Weltraum, nur selten mit dem Thema Epidemien, und wenn, dann handelt es sich nicht um die Art von Epidemien, die uns im wirklichen Leben begegnen, sondern sie werden im Rahmen eines breiteren Themas und in schillenderen Farben beschrieben.

 

Was kann eine Pandemie in einer menschlichen Gesellschaft auslösen, wenn man einmal von ihren negativen Auswirkungen absieht?

Was die Auswirkungen einer Seuche auf die menschliche Gesellschaft betrifft, so herrschen hier meiner Meinung nach die negativen Folgen vor, allen voran die Angst und Panik, die Epidemien in einer menschlichen Gesellschaft auslösen. Man denke nur an den Schwarzen Tod, an die Pocken und so weiter. Ich erinnere mich noch an die Geschichten über die japanische Einheit 7311, die die Pest verbreitete, es war schrecklich. Als ich vor kurzem nach Australien fuhr, las ich Berichte über die Aborigines: Wenn die Kolonisatoren im Zuge der ersten Kolonisationswelle merkten, dass in einem Dorf eine Epidemie herrschte, wurde gleich das ganze Dorf ausgelöscht, buchstäblich das ganze Dorf, alle Aborigines in einem Dorf wurden ausgelöscht. Für die Ureinwohner Australiens bedeutet diese Geschichte bis heute eine sehr schmerzliche Erinnerung. Was nun die positiven Auswirkungen betrifft: Nach einer Epidemie stellen die Menschen ihre eigenen Überlegungen zu vielen Fragen an – aus philosophischer Sicht, aus der Sicht ihres eigenen Lebens, aus der Sicht der Bevölkerungsentwicklung, der Koexistenz zwischen den Arten und der Natur usw. Diese Überlegungen plus die Fortschritte, die durch die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie erzielt wurden, werden dann bei der nächsten Epidemie zu einer gewissen Verbesserung führen. Vermutlich sind dies die positiven Impulse, die von einer Epidemie ausgehen können.

 

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie eine Epidemie in Zukunft aussehen könnte und wie die Menschen sie dann bekämpfen?

Was eine Epidemie in Science-Fiction-Werken betrifft, so habe ich vor einiger Zeit einen Live-Kurs über „Die langen Schatten der Epidemie in Science-Fiction“ gehalten (https://haokan.baidu.com/v?pd=wisenatural&vid=11386407642028499220, 22. Februar 2020). In Science-Fiction-Werken sind die behandelten Inhalte und Themen viel weiter gefasst, als wenn es um eine natürlich entstandene Epidemie ginge, wie sie uns in der Wirklichkeit begegnen könnte. Meine Erzählung Zhenshui da qinxi („Die große Heimsuchung des Nadelwassers“, 1991) handelt zum Beispiel von Mikroben aus der Sonne, die eine Epidemie hervorrufen, um mit den Menschen zu kommunizieren. Und in dem Moment, in dem die Mitteilung ihr Ziel erreicht hatte, wurde die Epidemie aufgehoben. Oder Gu Junzhengs Roman Lundun yiqing („Die seltsame Krankheit von London“): Er beschreibt nicht eine echte Epidemie, sondern nur ihr äußerliches Erscheinungsbild – in Wirklichkeit beschreibt er aber einen Krieg. Die Epidemie gibt uns eine sehr wichtige Vorstellung von diesem Zustand, und das kann vielleicht auf einige andere Dinge angewandt werden, die, wenn sie im Voraus durchdacht und wenn Präventivmaßnahmen getroffen werden, der Menschheit etwas durchaus Positives bringen können. Generell könnte man sagen: Trifft man auf einen bestimmten Virus und ist noch eine gewisse Anzahl von Menschen in der Bevölkerung am Leben, sollte man die Seuche nach und nach dank Wissenschaft und Technik oder andere relevante Maßnahmen überwinden können. Aber da ständig neue Dinge auftauchen, hat die Epidemie selbst direkt mit dem sozialen Leben zu tun. Erst wenn sich der gesellschaftliche Lebensstil der Menschheit ändert, kann es Verbesserung geben. Selbst wenn, wie im Film Matrix, in Zukunft alle Menschen in einer Art Tank leben würden, bestünde nach wie vor die Angst vor einer Verunreinigung des Wassers zwischen den Tanks, davor, dass das Gehirn absterben oder man verrückt werden könnte.

 

Was wäre für einen Science-Fiction-Autor die beunruhigendste Epidemie?

Ich glaube nicht, dass für Science-Fiction-Autor*innen die Pandemie ein besonders wichtiges Thema bildet, es gäbe da sicherlich schlimmere Krisen. Wenn man sie nur unter dem Gesichtspunkt der biologischen Eigenschaften und des Infektionsgeschehen betrachtet, einschließlich Ansteckungsfähigkeit, Mortalität usw., so sind diese nicht wirklich beängstigend. In der aktuellen Situation heißt es oft, dass die Pandemie uns Menschen vielleicht für immer begleiten wird, dass sie zu einer saisonalen Epidemie werden wird und so weiter. Das alles liegt im Bereich des Möglichen, und alles kann auf uns erschreckend wirken. Es ist auch die Rede davon, dass es zu einem immer häufigeren genetischen Austausch zwischen Viren und ihren Wirten kommen könnte, was noch beängstigender wäre. Weil wir nicht das Ganze nicht wirklich verstehen – wir sind ja keine Experten –, weil wir es nicht verstehen, denken wir darüber nach, und je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr Angst bekommen wir.

Warum taucht also der lange Schatten einer Epidemie in Science-Fiction-Romanen auf? Ich glaube, es gibt drei Hauptgründe dafür: Erstens, die Angst vor dem Aussterben der Arten. Wir Menschen als einzigartige Spezies hatten schon immer einen biologischen Instinkt, wir hatten immer schon Angst vor dem Ausgelöschtwerden. Soweit wir es wissen können, sind wir bislang die einzigen höheren intelligenten Wesen im Universum. Und eben weil wir die idealen Voraussetzungen für unsere Existenz haben, fürchten wir unsere Auslöschung. Tatsächlich gibt es viele Arten von Science-Fiction-Romanen, die sich mit dem Thema des Aussterbens beschäftigen, nicht nur durch Pandemien, sondern auch durch Kometen, die die Erde treffen, und es gibt viele Romane und Filme über Katastrophen, und alle spiegeln dieselbe Angst wider.

Zweitens gibt es die Angst vor dem Kollaps sozialer Gruppen. Wir Menschen sind soziale Wesen, die eine bestimmte Form der Beziehung zueinander pflegen, und es ist diese Beziehung, die uns ein Gefühl des Zugehörigkeit und des Trostes gibt. Deshalb befürchten wir, dass es für uns äußerst unbequem werden könnte, sollten diese sozialen Beziehungen zusammenbrechen und wir Menschen voneinander isoliert werden.

Drittens gibt es Bedenken, was die Leistungsfähigkeit der Wissenschaften betrifft. Die Wissenschaften haben in den letzten zwei-, dreihundert Jahren rasante Fortschritte gemacht. Aber wir müssen stellen auch feststellen, dass es zu viel Wissenschaft und Technologie gibt, die wir nicht kontrollieren können. Tatsächlich habe ich immer wieder diesen Punkt betont. Science-Fiction-Autor*innen haben keine Angst vor der Pandemie, ebenso wenig wie Science-Fiction-Leser*innen und Science-Fiction-Fans, weil sie zu viel davon gesehen haben, sodass sie stattdessen eine gewisse Immunität vor der Angst entwickelt haben. Ich würde also empfehlen, dass mehr Menschen solche Werke lesen und mehr solche Filme ansehen, die sich mit Katastrophen beschäftigen. Von diesen Werken geht keine negative Kraft aus, sondern sie verleihen dem Menschen eine rudimentäre Immunität, um mit der Zukunft umgehen zu können. Mit solchen Werken sollte man sich viel häufiger konfrontieren.

 

Welche Ihrer Arbeiten thematisieren eine Pandemie? Was war überhaupt die ursprüngliche Motivation hinter Ihrem kreativen Schaffen?

Die große Heimsuchung des Nadelwassers ist eine Kurzgeschichte, die in den späten 1980er- / frühen 1990er-Jahren geschrieben wurde. Sie wurde erstmals 1991 in der Sammlung Xinji jingcha de zui hou anjian („Der letzte Fall der interstellaren Polizei“) veröffentlicht, und das Vorwort wurde vom Science-Fiction-Schriftsteller Zheng Wenguang verfasst. Kürzlich wurde es auch in Yinli de shenyuan („Abgrund der Schwerkraft“) des Anhui Children's Publishing House aufgenommen. Darüber hinaus ist die Geschichte Bestanddteil des Tutorials „Science Fantasy: Ein Lehrplan zur Förderung der Fantasie und wissenschaftlichen Innovation bei jungen Menschen“.

  

1 Eine von mehreren geheimen Einrichtungen der Kwantung-Armee der Kaiserlich Japanischen Armee in der besetzten Mandschurei (gegründet 1935), die biologische und chemische Waffen erforschte, erprobte und einsetzte. https://de.wikipedia.org/wiki/Einheit_731 (20. 10. 2020)

  

Zum Weiterlesen

Yao Haijun: Chinesische Science-Fiction-Literatur. Die Entdeckung eines Universums, https://www.goethe.de/ins/cn/de/kul/fok/sci/20710192.html (20. 10. 2020)

Chiara Cigarini, Pandemic and the (Fanta)scientific: A Prism of Voices from Today’s China, https://u.osu.edu/mclc/online-series/cigarini/ (20. 10. 2020)