23.04.2007

Birgit Mersmann: Blicke, die aus dem Rahmen fallen. Das westliche Tafelbild in ostasiatischer Wahrnehmung

Die ostasiatische Kunst kennt die Technik der Ölmalerei grundsätzlich nicht. Erst im Zuge der Begegnung mit der europäischen Tafelbildmalerei beginnt sie, sich diese in einem langwierigen, von Widerständen und Konflikten begleiteten Prozess anzueignen. So unverständlich es aus westlicher Perspektive auch erscheinen mag: Der Realismus der Darstellung, wie er mit der Erfindung des Ölgemäldes fundiert wurde, löste anfangs in China, Korea und Japan Schockreaktionen aus. Wiederholt wird in Erlebnisberichten die Lebendigkeit des Dargestellten, die Nichtunterscheidbarkeit zwischen echt/lebend und künstlich/tot als angsteinflößendes, traumatisches Erlebnis geschildert. Der Betrachter fühlt sich von den abgebildeten Figuren angeblickt und beobachtet, angesprungen und überwältigt. Dieses Faktum wirft die medienethnologisch und bildanthropologisch brisante Frage auf: Warum ist das Tafel- bzw. Ölbild als autonomes Gemälde in Europa entstanden? Oder ex negativo gefragt: Warum hat es sich nicht in Ostasien entwickelt? Warum wurde der westliche Blick, wie er mit dem Tafelbild und in ihm erscheint, in der ostasiatischen Kultur zunächst als bedrohlicher, existenz- und identitätsgefährdender Blick empfunden? Der Vortrag sucht diese interkulturelle Differenz zwischen illusionistischer und imaginärer Wahrnehmung, westeuropäischer Kadrierung und ostasiatischer Rahmenlosigkeit kosmologisch, weltanschaulich und sozialgeschichtlich zu begründen.

Vortrag
IFK

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