08
Januar
2018
  • Lecture
IFK

Diderot deutsch. Übersetzen und unterbrechen

18:15

„Brücken zu bauen“ ist im vielsprachigen Europa eine der Lieblingsmetaphern. Zum Abenteuer des Übersetzens aber gehört auch die Schwierigkeit der unterbrochenen Wege, abgerissenen Kontakte oder der blockierten Überlieferungen. In der deutschsprachigen Rezeption des französischen Aufklärers Diderot bringt das Phänomen der produktiven Unterbrechung sogar erst die Pointe dieses Denkers zur Geltung.

 

Die Wirkungsgeschichte des Literatur-, Musik- und Kunstgelehrten Denis Diderot (1713–1784) ist voller Einschnitte und Unterbrechungen. Trotz eines multinationalen Netzwerks konnte er viele seiner Schriften aufgrund der Zensur zu Lebzeiten gar nicht publizieren oder nur als handschriftliche Lieferungen in einem ausgewählten Zirkel kursieren lassen.

Umso bemerkenswerter, dass Schlüsselwerke des Franzosen zuerst im deutschsprachigen Raum breitere Publizität erlangten. So führte eine Schauspielertruppe in Schweizer Badeorten Ende der 1750er-Jahre Diderots experimentelle Theaterstücke Der natürliche Sohn und Der Hausvater auf, während G. E. Lessing die Dramentheorie des Autors übersetzte und kommentierte. Um 1800 kam dank einer von Schiller besorgten Fassung der Dialogroman Jacques, der Fatalist an die Öffentlichkeit – ein Werk, in dem der Zufall Regie zu führen scheint. Wenig später übersetzte Goethe in fiebriger Eile das aus Petersburg nach Weimar geschmuggelte Manuskript von Le Neveu de Rameau (Rameaus Neffe): gerade noch so rechtzeitig, dass sich Hegel für seine Charakterisierung der Bildungsphilister dieser lächerlichen Karikatur eines Musikepigonen bedienen konnte. Auch in seinem „Schauspieler-Paradox“ betont Diderot die Kluft zwischen äußerer Wirkung und innerer Gefühlslage. Die Sehnsucht nach dem Genie als Gradmesser herrschenden Mittelmaßes: Das könnte Thomas Bernhard direkt von Diderot übernommen haben; ebenso die Einsicht, dass man Kunst und Geist zu ihren besten Auftritten verhilft, wenn man sie unterbricht.

 

 

Alexander Honold ist nach Studien- und Dozentenjahren in München, Berlin und Konstanz seit 2004 Ordinarius für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel; im Wintersemester 2017/18 arbeitet er als Senior Fellow am IFK.

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