03
Dezember
2018
  • Lecture
IFK

HINSCHREIBEN, WAS DASTEHT

18:15
Ausgabe der Fleurs du Mal von 1857, Probeabzug der Titelseite mit Anmerkungen Baudelaires

Übersetzer und Lektor arbeiten eng zusammen, in der arbeitsteiligen Alltagspraxis meist mit klarem Rollenverständnis. Für beide Tätigkeiten ist es inspirierend, die Seiten regelmäßig wechseln zu dürfen. Denn gerade weil die Tätigkeiten nah verwandt sind, bereichern sie sich gegenseitig. Kristian Wachinger verbindet diese Techniken mit einer dritten: der Edition von Texten.

„Kannst du mir das mal ins Deutsche übersetzen?“ Wie oft sitzt man vor einem gedruckten Sachtext, dessen Buchstaben man lesen, dessen Wörter man erkennen kann, aber dessen Sinn sich einem nicht erschließt. Es steht schon da, aber erst nach sprachlicher Feinarbeit hingeschrieben klären sich die Gedanken. Auch die Übersetzungsprobleme lösen sich oft beim zweiten Hinschauen. Eine dritte Form hinzuschreiben, was dasteht, ist das Edieren von nachgelassenen Texten. Sie haben eine klare Autorschaft, und dass sie niedergeschrieben sind, zeugt auch von Mitteilungsbedürfnis – aber es gibt keinen klaren Autorwillen, in welchem Umfang sie publiziert werden sollen.

Die Beispiele in diesem Vortrag sind geschöpft aus der Übersetzungs- und Lektoratsarbeit an so unterschiedlichen Autoren wie Honoré de Balzac und Georges Simenon, wie Charles Baudelaire mit dem Pariser Spleen und Laurent Binet mit den Pariser Intellektuellen, wie Luo Guanzhong und James Comey. Was das Edieren angeht, so soll von den nachgelassene Fragmenten von Elias Canetti die Rede sein, der vielsprachig aufgewachsen war, aber als Schriftsteller immer dem relativ spät erlernten Deutschen treu geblieben ist.

 

Kristian Wachinger, gelernter Buchhändler, studierte in München, Nantes und Hamburg Germanistik und Romanistik. 1984–2015 verantwortlicher Lektor der Hanser Klassiker, Lehrauftrag an der Uni Regensburg, seit 2016 Übersetzer (aus dem Französischen), Herausgeber (speziell aus Nachlässen) und Lektor (insbesondere von Klassiker-Übersetzungen), seit 2017 Stiftungsrat der Canetti Stiftung Zürich. Kristian Wachinger ist derzeit IFK_Translator in Residence.

 

Publikationen (u. a.): gem. mit Sven Hanuschek (Hg.), Elias Canetti: Ich erwarte von Ihnen viel. Briefe, München 2018; gem. mit Karen Lauer (Hg.), Veza und Elias Canetti: Briefe an Georges, München 2006; (Hg.), Elias Canetti: Party im Blitz. Die englischen Jahre, aus dem Nachlass hg., München 2003; Malaiische Liebeslieder, Gesamtausgabe nach den Erstdrucken und Handschriften, Ebenhausen bei München 2001; gem. mit Martine Passelaigue (hg. und übersetzt), Paris, un florilège / Parisgeschichten, München 1998. Als Übersetzer: Georges Simenon: Der Schnee war schmutzig, aus dem Französischen, Zürich 2018; Prosper Mérimée: Carmen, aus dem Französischen, Berlin 2014; Giacomo Casanova: Meine Flucht aus den Bleikammern von Venedig, aus dem Französischen gem. mit Ulrich Friedrich Müller, München 1988.

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