16
Dezember
2013
  • Lecture
IFK
Ingo Zechner

Das Evidenz-Bild: Nationalsozialismus in Österreich

Ingo Zechner, Autor einer Monografie über den französischen Philosophen Gilles Deleuze, erweitert dessen Typologie des kinematografischen Bildes. In seinem Vortrag skizziert er den Typus des Evidenz-Bildes anhand von ephemeren Filmen, wie Amateurfilmen, Unternehmensfilmen oder Werbefilmen, zum Nationalsozialismus in Österreich.

 

 

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: das verspätete Eintreffen motorisierter Vortrupps der Wehrmacht auf der Wiener Ringstraße, nachdem die NS-Machtergreifung längst stattgefunden hat; das improvisierte Straßenschild „Adolf Hitler Platz“ in einem Wiener Vorort; die Abschaffung des Gummiknüppels der uniformierten Polizei, gefolgt von der Ausrüstung paramilitärischer Verbände mit Gewehren und Bajonetten. Der Zweideutigkeit seines Namens zum Trotz ist das Evidenz-Bild kein Beweis-Bild, sondern allenfalls Ausgangs- und Endpunkt einer diskursiven Beweisführung. Seine Evidenz ist die einer vermeintlich unmittelbaren Einsicht. Das Evidenz-Bild ist jedoch eingebettet in Bilder, die nicht zu uns sprechen, von denen man nicht oder nicht unmittelbar weiß, wer und was in bzw. auf ihnen zu sehen ist, wo und wann sich das Geschehen abspielt. Das Zukunftsfonds-Forschungsprojekt „Ephemere Filme: Nationalsozialismus in Österreich“ hat sich zum Ziel gesetzt, diese Bilder gleichsam zum Sprechen zu bringen und das Evidenz-Bild daraufhin zu untersuchen, ob es tatsächlich zeigt, was wir zu sehen glauben. Zu diesem Zweck wurde eine Technologie entwickelt, die erstmals eine präzise synchrone Annotation von kinematografischen Bildern ermöglicht.

 

Ingo Zechner ist Philosoph und Historiker. Von 2000 bis 2008 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (Restitution, Archiv), von 2003 bis 2008 ebd. Leiter der Anlaufstelle für jüdische NS-Verfolgte in und aus Österreich; von Jänner bis November 2009 übernahm er die Geschäftsführung des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI). Seit Oktober 2013 ist er Wissenschaftskoordinator und stellvertretender Direktor des IFK.

 

Publikationen (u. a.): Nicht schuldig? Film, Beweis und Urteil, in: Anders Engberg-Pedersen u. a. : Das Geständnis und seine Instanzen. Zur Bedeutungsverschiebung des Geständnisses im Prozess der Moderne, Wien 2011, S. 85–102; Deleuze. Der Gesang des Werdens, München 2003; Bild und Ereignis. Fragmente einer Ästhetik, Wien 1999.

Ort: IFK

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