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  • Conference

Milieu-Biologie. Ein Wiener Denkstil?

Mit dem Konzept des „Denkstils“ beschrieb der polnische Mikrobiologe Ludwik Fleck 1935, wie wissenschaftliche Tatsachen aus Denkkollektiven, aus lang dauernden institutionellen, kulturellen und wissenspolitischen Konstellationen entstehen, die auch lokale Konturen haben können. Bei dieser Tagung wird Flecks Konzept auf einen besonderen Fall angewendet: „Die Biologie in Wien“ (Paul Kammerer, 1925). Hat sich in der Geschichte des biologischen Wissens vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in unsere Tage der besondere Denkstil einer Wiener Biologie entwickelt?

 

Mit dem Konzept des „Denkstils“ beschrieb der polnische Mikrobiologe Ludwik Fleck 1935, wie wissenschaftliche Tatsachen aus Denkkollektiven, aus lang dauernden institutionellen, kulturellen und wissenspolitischen Konstellationen entstehen, die auch lokale Konturen haben können. Bei dieser Tagung wird Flecks Konzept auf einen besonderen Fall angewendet: „Die Biologie in Wien“ (Paul Kammerer, 1925). Hat sich in der Geschichte des biologischen Wissens vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in unsere Tage der besondere Denkstil einer Wiener Biologie entwickelt?
Erste Hypothese der Tagung ist, dass Theorien, Experimente und Praxisformen des „Milieus“ diesen Denkstil kennzeichnen. Seine Akteure scheint ein besonderes Geschick auszuzeichnen, zwischen Labor und Feldforschung Umgebungen einer dritten Art zu schaffen: lokale Binnenmilieus für Amphibien, Vögel, Einzeller.
Das gilt besonders für die Biologische Versuchsanstalt, genannt „Vivarium“, im Wiener Prater, es gilt auch für die berühmten Biologen Karl von Frisch, Konrad Lorenz und andere. Durchlässigkeit aufs Milieu ist ein Strukturmoment, über das im Rahmen der Tagung ein lokaler Denkstil in der Biologie wissens- und kulturhistorisch situiert werden möchte. Die Präferenz des Milieus, so die zweite Hypothese, betrifft auch die Theorie selbst: eine besondere Offenheit biologischen Denkens und Forschens gegenüber ihren kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Umgebungen. Kaum zu einer anderen Zeit ist eine Wissenschaft so eng mit Kunst, Musik, Tanz ihrer Zeit verwoben wie die Biologie zur Zeit der Wiener Moderne. Wie auf die Kultur, so ist dieser Denkstil auch durchlässig auf angrenzende Wissenschaften – Physik, Mathematik, Psychoanalyse, Philosophie. Oft bildet er darin einen Zug ins Systemische aus, von der „Allgemeinen Biologie“ (Max Kassowitz, Paul Kammerer) über die „Systembiologie“ (Paul Weiss, Ludwig von Bertalanffy) bis in die biologische Philosophie Rupert Riedls. Am historischen Horizont der Tagung steht schließlich die Frage, ob sich Tendenzen eines Wiener Denkstils in der Biologie bis heute finden lassen.

 

Konzeption: Peter Berz (Institut für Philosophie, Universität Wien), Veronika Hofer (Medizinische Universität Wien), Klaus Taschwer (Freier Wissenschafter, Journalist, Wien)
TeilnehmerInnen: Sabine Brauckmann (Science Center, University of Tartu, Estland), Thomas Brandstetter (eikones NFS Bildkritik, Universität Basel; IFK_Research Fellow), Manfred Drack (Zentrum für Logik, Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte, Institut für Philosophie, Universität Rostock), Christoph Hoffmann (Lehrstuhl für Wissenschaftsforschung, Universität Luzern), Cheryl Logan (Department of History, The University of North Carolina at Greensboro), Werner Michler (Institut für Germanistik, Universität Wien)

 

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