30
November
2020
  • Lecture
IFK

Wie ungleiche Paare die Weltgeschichte verändert haben

18:15

Nichts gebe so verlässlich Auskunft über die Spaltungen und Schichtungen einer Gesellschaft wie die Ehen, stellte Alexis de Tocqueville 1856 im fünften Buch seines epochalen Werks „Der alte Staat und die Revolution“ fest. Noch sechzig Jahre nach der Großen Revolution in Frankreich verhinderten die „alten“, vorrevolutionären Eliten und die „neuen“ Familien, die nach der Revolution zu Geld und Einfluss gelangt waren, zuverlässig, dass zwischen ihren Kindern Ehen geschlossen wurden. Von Perikles’ Staatsbürgerschaftsgesetz aus dem Jahr 450 v. Chr. bis heute: Wer wen heiratete und heiraten durfte, betrifft bis heute die Identität ganzer Gesellschaften. Es erzählt davon, wer dazugehören darf und wer nicht.

Heiratsverhalten war also ein genauer Indikator gesellschaftlicher Normen und Schichtungen, konnte zugleich aber auch zum höchst wirksamen Faktor werden, indem es gesellschaftliche Trennlinien aus der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft hinein fortschrieb – oder aber gerade im Gegenteil mit hergebrachten Einstellungen brach und damit ein starkes Signal an ganze Gesellschaften aussandte. Es wäre also ein Missverständnis, betrachtete man die Geschichte der „gemischten Paare“ bloß als eine der kulturellen Überschreitung. Nein, der Blick ist umgekehrt auf die Gesellschaften zu richten und ihren Umgang mit diesen Paaren. Diese Geschichte ist dann eine Gesellschaftsgeschichte von der Antike bis heute, in der die kulturelle Differenz die Probe auf sich selbst ist. Das Thema, das bislang stark aus einer ethnologischen Perspektive untersucht und dargestellt wurde, ist genuiner Teil der Rechts-, Sozial- und Kulturgeschichte, wie an einigen Beispielen dargestellt werden kann.

 

 

Michael Jeismann ist Historiker und Journalist. Er war Mitarbeiter von Reinhart Koselleck, schrieb über Nationalismus, Kriegerdenkmäler, Vergangenheitspolitik und ungleiche Paare. Von 1993 bis 2006 war er Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es folgte ein Stipendium der Krupp-Stiftung, seitdem arbeitet er für das Goethe-Institut und ist außerplanmäßiger Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, derzeit ist er Stadt Wien_IFK Fellow und IFK_Gast des Direktors.

 

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