Florian Mühlfried: Georgische Deformationen

Nicht wenige Fellows des ifk stammen aus Ländern, in denen sich zunehmend autoritäre Tendenzen zeigen – wie Ungarn oder die Slowakei, inzwischen aber auch die USA. Besonders wenn sie zu »sensiblen« Themen wie Gender arbeiten, die von den regierenden Kreisen als »woke« klassifiziert werden, oder mit Institutionen affiliiert sind, die als politisch problematisch gelten, sind diese Fellows in direkter oder indirekter Gefahr. Sie können ihre Arbeit verlieren, sie können ihr Land verlassen müssen.

Eine solche Situation stellt sich zurzeit in Georgien dar, wie ich aus eigenem Erleben zu berichten habe. Ich arbeite als Professor für Sozialanthropologie an der Staatlichen Ilia-Universität in Tbilissi – der einzigen staatliche Universität, die bislang noch nicht auf Regierungslinie ist und deshalb von der Regierungspartei »Georgischer Traum« angegriffen wird. Am 12. Februar 2026 wurde in Georgien eine »Bildungsreform« verabschiedet, die die Interdisziplinarität und die Autonomie der Universitäten effektiv abgeschafft hat. Da diese beiden Prinzipien für das Wissenschaftsleben jeden Landes unerlässlich sind, wird in Georgien von einer »Deform« statt von einer »Reform« gesprochen.

Hintergrund ist ein weltweit einzigartiger Ansatz, der auf die Formel »Eine Stadt, eine Fakultät« gebracht wird. Diesem Ansatz folgend, darf es in jeder Stadt jedes Fach oder jedes Studienprogramm nur an einer staatlichen Universität geben. Das hat insbesondere für die georgische Hauptstadt Tbilissi, in der sich die meisten staatlichen Universitäten befinden, dramatische Folgen: Zahlreiche bestehende Fächer und Programme sollen aus ihren Universitäten herausgelöst und denjenigen staatlichen Universitäten einverleibt werden, die sich kontrollieren lassen. Dabei werden die Studienplätze für viele Fächer nach staatlichen Vorgaben drastisch reduziert – insbesondere für solche, die angeblich für den Arbeitsmarkt nicht besonders relevant sind, wie die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften.

Bestimmte Einrichtungen sind davon besonders betroffen. So soll beispielsweise die staatliche Ilia-Universität, an der ich tätig bin, mehr als 90% ihrer Fachbereiche und Studiengänge verlieren, darunter auch den Studiengang Sozialanthropologie, den ich unterrichte. Diese eingestellten Fachbereiche und Studiengänge sollen an andere staatliche Universitäten übertragen werden, die bereits kooptiert wurden, vor allem an die staatliche Iwane Jawachischwili-Universität Tiflis. Darüber hinaus sollen die akademischen Fachbereiche hierarchisch neu organisiert werden, sodass künftig nur noch ein/e einzige/r ordentliche/r Professor*in an der Spitze der Assistenzprofessor*innen und assoziierten Professor*innen steht. Diese Top-down-Organisation ermöglicht eine bessere Kontrolle über die zu vermittelnden akademischen Inhalte.

Sollte die Politik »Eine Stadt, eine Fakultät« umgesetzt werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass bestimmte Forschungsthemen und -ansätze, die der vorherrschenden Doktrin der Regierungspartei widersprechen, künftig nicht mehr gelehrt werden – etwa in Bezug auf Gender oder politischen Aktivismus. Mein Fach, die Sozialanthropologie, würde sich damit in Übereinstimmung mit Entwicklungen in Russland und Belarus auf staatlich-nationalistische Ziele und Agenden ausrichten müssen. Dies käme dem Ende emanzipatorischer Sozial- und Kulturforschung in Georgien gleich. Viele der in diesen Bereichen Tätigen würden ihre Arbeit verlieren und unter Druck geraten. Kolleg*innen mit ausländischer Staatsbürgerschaft wie ich könnten unter Umständen nicht mehr ins Land gelassen werden; dafür gibt es bereits einschlägige Präzedenzfälle. Viele würden gezwungen sein, ihrem Land den Rücken zu kehren.

In diesem Sinne fühle ich mich solidarisch mit allen Fellows am ifk, die sich in ähnlichen Situationen befinden oder künftig befinden könnten. Wir müssen uns auf weitere Kämpfe, aber auch auf weitere Verluste, etwa von Arbeit und Herkunftsland, einstellen.

Hier ist ein Link zu einem Statement der European Association of Social Anthropologists zu finden, die die Vorgänge in Georgien verurteilen:
easaonline.org/letters-of-support/letter-of-support-in-defence-of-the-anthropology-programme-at-ilia-state-university/

Hier ein Link zu einer Petition, die gegen die Vorgänge in Georgien protestiert:
openpetition.org/us/petition/online/the-future-of-anthropology-is-under-threat-in-georgia-help-us-to-preserve-it