17 November 2014
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IFK

SCHÖPFEN AUS DEM „ZITATENTEICH“. INTERTEXTUELLE PRAKTIKEN DER LITERATUR ZU BEGINN DES 20. JAHRHUNDERTS

Jene „geflügelten Worte“, mit denen sich die bürgerliche Literatur ihre Bildung bewies, verlieren zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Kurswert. An ihre Stelle treten neue Praktiken der Intertextualität, mit denen die Generation von Musil, Benjamin, Kraus, Kafka oder Robert Walser dem, was sie noch von der Väterkultur ausborgt, resolut eine neue, andere Stimme gibt.


Die Bücherwände der Väter stehen noch da, doch die Art, wie man sich auf sie bezieht, hat sich verändert: Robert Musil stellt 1931 fest, das „Zitieren“ sei zwar äußerlich aus der Mode gekommen, es habe sich aber ins Innere der Literatur zurückgezogen. Diese gleiche „einem Zitatenteich, worin sich die Strömungen nicht nur sichtbar fortsetzen, sondern auch in die Tiefe sinken und aus ihr wieder aufsteigen“. Aus diesem „Zitatenteich“ schöpfen die Schriftsteller im Zeitalter von Zeitung, Schreibmaschine und Grammofon in neuer Weise: Sie lassen auf ihren Textbühnen fremde Worte wie Figuren auftreten – Karl Kraus etwa zieht die Zitate strafend vor sein „Fackel“-Gericht. Walter Benjamin erkennt darin eine rückwärts gewandte Prophetie, die er selbst nach vorne wenden will. Musil treibt im „Mann ohne Eigenschaften“ die Zitatinflation bis an den Punkt des Bruchs. Franz Kafka dagegen verzichtet fast vollständig auf das explizite Zitieren jener Autoren, die er doch intensiv rezipiert. Andere Autoren operieren im mimetischen Umgang mit ihren Vorlagen nahe an Parodie oder Plagiat, oder sie schneiden und kleben fremde Texte frech zurecht und greifen dabei auch zu trivialsten Bild- und Textvorlagen. Robert Walser etwa montiert 1917 eine Odol-Werbung in einen Prosatext ein. Das Mundwasserwort provoziert ihm die Frage, wer es denn ist, der solch fremden Worten die Stimme gibt, und wem der Text gehört, den er mit geborgter Tinte schreibt. Es ist dies die aktuelle Frage, wie denn aus überbordenden, aber verflachenden Informationsquellen noch produktiv zu schöpfen sei.

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