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Kulturen der Evidenz. Die Wirklichkeit der Kulturwissenschaften Akademisches Jahr 2009-2010
In Fragen der "Evidenz" regiert seit langem in den Kulturwissenschaften Skepsis. Der Anspruch, "nackte Tatsachen" zu präsentieren, Sätze über die Wirklichkeit der Ereignisse, Dinge und Leidenschaften formulieren zu können, scheint aufgegeben. Es herrscht Einigkeit darüber, dass der Eindruck von "Unmittelbarkeit" nur so lange besteht, solange kein Wissen über die Inszenierungsbedingungen der Phänomene, die soziale Codierung der eigenen Wahrnehmung und die mediale bzw. technische Zurichtung der Dinge vorliegt. Die Leistungen dieser Aufklärungsarbeit in den beiden letzten Jahrzehnten sind unbestreitbar. Die Forschungen thematisieren Bildwelten des Wissens, die kulturelle Konstruktion der Geschlechterdifferenz und andere rhetorische Schauplätze der Evidenz. Die Erforschung des Eindringens der Medialität in die Ordnung der Dinge führte zu der Erkenntnis der narrativen Struktur der Historiografie, zur Entdeckung von Inszenierungen der Leidenschaft, die in kulturellen Archiven gespeichert sind, oder zur Entzifferung der technischen Kodierung von Bildern. Allerdings zeichnet sich nunmehr ein Perspektivenwechsel ab. Denn die Aufmerksamkeit für die Zeichenprozesse und die sprachliche Verfasstheit von Wissensordnungen führte dazu, dass die Widerständigkeit der Gegenstände aus dem Blickfeld geriet.
In der zeitgenössischen Wissenschaftsforschung geht man mittlerweile davon aus, dass die exakten Wissenschaften zwar ihre Gegenstände konstruieren, aber auch der Naturwissenschafter nicht Herr des Spiels ist. Er macht zwar seine Objekte, bleibt aber auch in der Welt seiner Objekte gefangen. Seine Praktiken der Evidenzerzeugung arbeiten mit Medien (Diagramme, Bilder, Formeln, Texte etc.), diese können aber nicht isoliert von den Praxisräumen der Labors und von Experimentalsitua-tionen zum Gegenstand rein medialer Untersuchung werden.
Die Vermutung, dass die Gegenstände der Wissenschaften sowohl konstruiert als auch daseiend, unvermittelt und vermittelt, robust und fragil, künstlich und "natürlich" sind, berührt ein gemeinsames Erkenntnisinteresse von Wissenschaftsforschung und Kulturwissenschaften. Beide scheinen nun vor der Herausforderung zu stehen, ohne Preisgabe der Evidenzskepsis den Blick für die Eigenlogik der Dinge, für die Handlungsfelder, in die sie eingebettet sind, und für die Praxisräume, in denen formale, mediale und diskursive Erkenntnisoperationen durchgeführt werden, zu schärfen. Es geht also darum, das zu thematisieren, was sich zwischen Worten und Dingen abspielt. Die Errungenschaften des "linguistic turn" und des Konstruktivismus sollen nicht unter dem Vorzeichen eines naiven postsemiotischen Zugangs ad acta gelegt werden. Folgende Themen können u. a. im Rahmen des Schwerpunkts "Kulturen der Evidenz" bearbeitet werden:
1. Formen der Evidenz
- Neue Tendenzen der Phänomenologie der Wahrnehmung
- Anthropologische Voraussetzungen kulturellen Wissens
- Evidenz im Zeitalter des digitalen Editing von Bildern und Tönen
- Bilderwelten sozialen Wissens, grafische Repräsentation, Karten und Statistiken
- Authentifizierungsstrategien der Medien
- Pathos als rhetorische Strategie, Stilfigur oder Ausdruck des Leidens
- Visuelle, akustische und textuelle Steuerung von Identifikationen
- Evidenzbehauptungen in der Philosophie und in den Künsten
2. Evidenz und Macht
- Das Verhältnis von philosophischem, wissenschaftlichem und forensischem Beweis
- Evidenz in der Rechtssprechung (Medien, Diskurse, Bilder)
- Evidenzerzeugung in sozialen Ritualen
- Evidenz der klaren Grenzziehungen
- Evidenz in politischen Prozessen (Wahrnehmung, Entscheidung)
- Die Evidenz des Souveräns
Das IFK ist nicht an ausschließlich theoretisch oder empirisch ausgerichteten Anträgen interessiert, sondern an Projektformulierungen, die konzise empirische Forschungen mit umsichtiger theoretischer Reflexion verbinden. Interdisziplinär konzipierte Einreichungen, die eine klar formulierte Fragestellung beinhalten sowie eine exzellente Kenntnis der relevanten Disziplinen und Forschungsansätze demonstrieren, haben die besten Chancen, durch den Internationalen Wissenschaftlichen Beirat des IFK positiv beschieden zu werden.
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