IFK_FORSCHUNGSSCHWERPUNKT

Kulturen des Übersetzens

Kulturwissenschaften müssten eigentlich Kulturen-Wissenschaften heißen:

Sie handeln von Kulturen als pluralen und dynamischen Lebensformen, gekenn­zeichnet durch Prozesse der Bewegung, des Austauschs, der Abgrenzung, des Transfers und der wechselseitigen Beeinflussung oder Durchdringung.

Der Viel­falt sozialer, politischer und religiöser Überzeugungen, die in weltweit ungefähr sechs- bis siebentausend Sprachen artikuliert werden, korrespondiert eine Viel­falt der Übersetzungsstrategien: vom Dolmetschen (konsekutiv, simultan) bis zur Übersetzung von Gebärden, schriftlichen oder audiovisuellen Dokumenten. Relevant sind die Kontexte und Genres, in Diplomatie, Recht, Religion, Verwal­tung, Wissenschaft und Literatur.

Zu den Übersetzungsstrategien gehört auch die Suche nach Universalsprachen, Kunstsprachen wie Esperanto, transkulturell verständlichen Zeichen- und Visualisierungssystemen (Piktogramme), Globali­sierungseffekten der Zirkulation von Bildern und Musik (die schon in der Ro­mantik gern als Weltsprache charakterisiert wurde), nicht zuletzt die Suche nach digitalen Übersetzungsalgorithmen und Computerprogrammen.

 

Schon das Netzwerk der frühen europäischen Kulturwissenschaften basierte nicht nur auf einer bewundernswerten Mehrsprachigkeit der ProtagonistInnen, sondern auch auf vielgestaltigen Kulturen des Übersetzens.

Es ist erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit – gerade im Zuge der europäischen Integration und des Bologna-Prozesses – diese Kulturen des Übersetzens und ihre Geschichte anziehen konnten, ganz abgesehen davon, dass ÜbersetzerInnen häufig dem akademischen Prekariat angehören.

Dabei leisten Übersetzungskulturen einen eminenten Beitrag zur Bildung transnationaler Identitäten und zur Entstehung eines miteinander geteilten oder zumindest teilbaren kulturellen Gedächtnis­ses.

Im Mittelpunkt des neuen Schwerpunkts zu den Kulturen der Übersetzung könnten bedeutende Übersetzungsleistungen ebenso diskutiert werden wie die Debatten um Übersetzungstheorien (etwa der Distinktion zwischen ursprungs- und zielsprachlichem Übersetzen), Fragen nach dem Unübersetzbaren, nach dem historischen Einfluss von Fehlübersetzungen oder nach dem Bemühen um Selbstübersetzung, wie es etwa Samuel Beckett in einem Brief an Alan Schnei­der, den Regisseur von „Film“ mit Buster Keaton (1965), als »usual wilderness of self-translation« beklagte.1

 

Übersetzen soll freilich nicht nur im engeren Sinn des sprachlichen Übersetzens thematisiert werden, sondern auch im Horizont eines erweiterten Über­setzungsbegriffs (analog zum erweiterten Kunstbegriff, den Joseph Beuys pos­tulierte), der u.a. die Sozial-, Medien- und Technikgeschichte angemessen be­rücksichtigt, beispielsweise die Versuche, architektonische Bauten, Landschaf­ten, Bilder oder musikalische Kompositionen in Texte, Zeichen-Diagramme und Codes zu übertragen (und umgekehrt).

Dabei könnten auch ältere Diskussionen um Gesamtkunstwerke – als Integrationsversuche von Text, Bild und Musik, etwa in Opern oder Filmen – neu belebt werden. Filmische Reformen, zuletzt im Dogma-Manifest von 1995, forderten häufig eine Ästhetik der Reduktion; so schrieb Robert Bresson in seinen „Notizen zum Kinematographen“:

»Wenn ein Ton ein Bild ersetzen kann, das Bild weglassen oder neutralisieren. Das Ohr geht mehr nach innen, das Auge nach außen. Ein Ton soll niemals einem Bild zu Hilfe kommen, ein Bild nie einem Ton. Ist ein Ton die zwingende Ergänzung eines Bildes, entweder dem Ton oder dem Bild den Vorrang geben. Im Gleich­gewicht schaden sie sich oder schlagen sich tot, wie man von Farben sagt.«2

 

In den Kontext eines erweiterten Übersetzungsbegriffs sollten vorrangig auch die Diskussionen der Postcolonial Studies um einen Begriff der »kulturellen Übersetzung« (unter Bezug auf Walter Benjamins Essay „Die Aufgabe des Über­setzers“), Erfahrungen der Tierforschung (Animal Studies), Ethnologie, Pädagogik oder Psychotherapie gerechnet werden, die heiklen Bemühungen um die Har­monisierung von Rechtssystemen, die Arbeit mit Flüchtlingen und traumatisier­ten Menschen.

Kurzum, der neue Schwerpunkt soll die Umrisse eines transla­tional turn, wie ihn Doris Bachmann-Medick bereits 2006 charakterisierte,3 ex­plorieren und erweitern.

 

 


  1. Maurice Harmon (Hg.), No author better served. The correspondence of Samuel Beckett and Alan Schneider, Cam¬bridge (Massachusetts)/London ²1999, S. 131 (Brief vom 7. November 1962).

  2. Robert Bresson, Notizen zum Kinematographen, herausgegeben von Robert Fischer, übersetzt von Andrea Spingler und Robert Fischer, Berlin 2007, S. 52 f.

  3. Vgl. Doris Bachmann-Medick, Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek bei Hamburg ³2009, S. 253.