Mission

Die Philosophie des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Kunstuniversität Linz beruht auf den Grundsätzen von Überschaubarkeit, Kommunikation und Austausch der Disziplinen.

Die Überschaubarkeit seiner Organisation ist nicht Selbstzweck, sondern soll den GastforscherInnen und NachwuchswissenschafterInnen Gelegenheit geben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Zentren wie das IFK erlauben es, jenseits der Routine der Universitätsverpflichtungen und entlastet vom Druck des Broterwerbs, den eigenen wissenschaftlichen Projekten nachzugehen. Sie bieten die seltene und in Universitäten kaum noch wahrnehmbare Chance, sich im Rahmen von Diskussionsrunden und Gesprächen auszutauschen, neue Ideen zu entwickeln und Projektentwürfe zu testen.

Der freie Austausch von Ideen zwischen den SpezialistInnen unterschiedlicher Fachrichtungen ist aber nicht nur eine Organisationsform innovativer Forschung. Er trifft im akademischen Normalfall auf einen gewissen Widerstand der Disziplinen, die spezielle und schwer übersetzbare Wissenschaftssprachen entwickelt haben.

Der Erfolg unseres Zentrums wird darin bestehen, ein kommunikatives Milieu herzustellen, in dem gemeinsame Fragen verschiedener Disziplinen austauschfähig werden:

So wird zum Beispiel erkennbar, in welchem Grad Bildwelten der Naturwissenschaften von ästhetischen Normen gesteuert werden; wie sich die Tradition der philosophischen Anthropologie zu den empirischen Resultaten der neuen Biowissenschaften verhält; wie sich Strömungen der Globalisierung in Stadtplanung und Populärkultur niederschlagen oder warum in Gerichtsverhandlungen ein anderer Begriff von Evidenz herrscht als für den Betrachter/die Betrachterin von Fotografien.

Die Dynamik des Austauschs schafft im Idealfall nicht nur neue Sichtweisen, die über jene hinausgehen, die man aus dem eigenen Fach mitbringt, sondern auch Elemente einer gemeinsamen Sprache und Begrifflichkeit. Wenn das Potenzial von Methoden und Begriffen in vorerst als fachfremd angesehenen Kontexten erprobt wird, können neue Horizonte des Wissens entstehen.

 

 



Thomas Macho, Direktor des IFK
Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften I Kunstuniversiät Linz in Wien.

Geschichte

Die Gründungsjahre (1992–1995)

Anfang der 1990er-Jahre entschied die damalige Koalitionsregierung von SPÖ und ÖVP – Wissenschaftsminister war Erhard Busek – in ihrem Regierungsübereinkommen die Errichtung eines Zentrums für interdisziplinäre Geisteswissenschaften.

Das Zentrum für interdisziplinäre Geisteswissenschaften wurde unter der Federführung von Professor Moritz Csáky als „IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften“ aus der Taufe gehoben. 1992 als Verein gegründet, nahm es 1993 seinen vollen Betrieb in der Danhausergasse 1 im 4. Wiener Gemeindebezirk auf.

Sein Gründungdirektorium, bestehend aus Professor Moritz Csáky, Professorin Helga Nowotny, Professor Dieter A. Binder und Professor Manfred Wagner, schuf in den darauffolgenden drei Jahren gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Koordinator Dr. Lutz Musner die organisatorischen Strukturen eines internationalen Wissenschaftskollegs für interdisziplinäre Kulturstudien.

Wesentliche Aufgaben der Institution waren die Bereitstellung einer Infrastruktur für internationale GastwissenschaftlerInnen, die durch einen wissenschaftlichen Beirat ausgewählt wurden, und die Veranstaltung von öffentlichen Konferenzen, Workshops und Vorträgen.

Die ersten inhaltlichen Schwerpunkte deckten die Themenfelder „Kulturelle Pluralität in Mitteleuropa“, „Wissenschaftsforschung“ sowie „Kunst- und Kulturgeschichte“ ab, dazu wurden die ersten hochkarätigen ForscherInnen, darunter Edward Timms (Karl Kraus), Jean-Pierre Cometti (Ludwig Wittgenstein) und Jaques Le Rider (Wiener Fin-de-Siècle), eingeladen.

 

Das erste Jahrzehnt (1996–2006)

1996 wurde als erster Direktor Professor Gotthart Wunberg (Tübingen) berufen, unter dessen Ägide u. a. das Junior Fellowship-Programm für österreichische DissertantInnen eingeführt wurde.

Der erfolgreiche Schwerpunkt war der Erforschung historischer bzw. kollektiver Gedächtnisse gewidmet. Aus den zahlreichen internationalen Forscherinnen, die sich mit thematisch passenden Projekten bewarben, wählte ein Wissenschaftlicher Beirat, bestehend aus renommierten ExpertInnen wie Aleida Assmann, Lorraine Daston und Carl E. Schorske, die Fellows.

Die nächsten beiden Schwerpunkte beschäftigten sich mit „Metropolen im Wandel – die moderne Stadt als Gegenstand der Kulturwissenschaften“ und mit der „Geschichte der Kulturwissenschaften“. Bei der Auswahl der Senior und Research Fellows durch den IAB war jedoch nicht der Bezug zu einem der Schwerpunkte das maßgebliche Kriterium, sondern die hervorragende Qualität der Fellowship-Anträge.

Ab dem Wintersemester 1997/1998 ermöglichte das IFK seinen Junior Fellows den Aufenthalt am IFK für ein volles akademisches Jahr, während sich das Fellowship davor auf einige Monate beschränkt hatte. Trotz der bescheidenen Raumverhältnisse am Standort Danhausergasse konnten nun vier DissertantInnen gleichzeitig am Zentrum an ihren Dissertationsprojekten arbeiten.

Mit der Übersiedlung an den jetzigen Standort Reichsratsstraße 17, 1010 Wien, konnte die Anzahl der Arbeitsplätze für Junior Fellows auf acht erhöht werden. Weitere zehn Arbeitsplätze stehen für jeweils nach einem Semester wechselnde Senior und Research Fellows zur Verfügung.

Die neuen Räumlichkeiten ermöglichen es auch, regelmäßige Arbeitsseminare für alle Fellows abzuhalten, um aktuelle Themen und Verfahren der Kulturwissenschaften zu debattieren. Ebenso konnte das Veranstaltungsprogramm auf rund dreißig Vorträge sowie acht bis zehn internationale Tagungen und Workshops pro Jahr erweitert werden.

Unter dem Nachfolger von Gotthart Wunberg, Professor Hans Belting (Karlsruhe), wurden neue Akzente in Richtung interdisziplinäre Kunst- und Bildwissenschaft gesetzt und ein neuer Forschungsschwerpunkt mit dem Titel „Kulturen des Blicks“ ausgeschrieben. Dieserart war es möglich, die historisch- und literaturwissenschaftlich-kulturwissenschaftliche Basis des IFK erfolgreich in Richtung Medien- und Bildanalyse auszuweiten.

 

Das zweite Jahrzehnt (2007–2016)

Mit der Übernahme der Direktion durch den Germanisten und Kulturwissenschaftler Professor Helmut Lethen (Rostock) im Jahr 2007 wurden sukzessive weitere Schwerpunkte für das wissenschaftliche Profil des IFK entwickelt und international ausgeschrieben: „Kulturen der Evidenz. Die Wirklichkeit der Kulturwissenschaften“, „Die kulturellen Paradoxien der Globalisierung“,„Verlorene Gewissheiten – Lebenswelten und Wissen im Übergang“ sowie „Imaginationen der Unordnung“.

Ab Anfang der 2000er-Jahre konnte das IFK mit Unterstützung des BMWF ein Auslandsstipendien-Programm für die Junior Fellows im Anschluss an den Aufenthalt am IFK sowie jährlich stattfindende Sommerakademien für NachwuchswissenschaftlerInnen finanzieren.

Damit wurde neben der Vermittlung innovativer Forschungsansätze in den Kulturwissenschaften die zweite wesentliche Säule des IFK, nämlich die wissenschaftliche Nachwuchsförderung, nachhaltig ausgeweitet und qualitativ verbessert. Wie erfolgreich IFK_„AbsolventInnen“ ihre Karrierewege in den Feldern Wissenschaft und Kultur fortsetzten, lässt sich aus den jährlich durchgeführten Laufbahnerhebungen ablesen.

Helmut Lethen forcierte nicht nur den intensiven Austausch der Fellows in den von Gotthart Wunberg initiierten internen Seminaren, sondern trieb auch die Nachwuchsförderung weiter voran. Er führte die so genannten „Dissertationswerkstätten“ ein, in denen die Junior Fellows ein exemplarisches Kapitel ihrer Doktorarbeit präsentieren und in einer kollegialen Atmosphäre diskutieren.

Eine weitere, viel genützte und sehr geschätzte Möglichkeit des Austausches bot sich am neuen Standort Reichsratsstraße in Form der geräumigen Küche, die für Junior, Research und Senior Fellows bald zum Zentrum der informellen Kommunikation und zur Schmiede neuer wissenschaftlicher Ideen und freundschaftlicher Kontakte wurde.

Neben den renommierten GastwissenschaftlerInnen und den von den Junior Fellows vorgestellten innovativen Projekten führte die Nähe zur Universität Wien und ihren einschlägigen geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten dazu, dass die BesucherInnenzahlen der IFK_Veranstaltungen sprunghaft angestiegen sind und sich auf einem hohen Niveau stabilisiert haben.

Während all dieser Jahre spielte der IFK_Vorstand eine wesentliche Rolle u. a. bei der Bestellung der Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats und bei der internationalen Ausschreibung bzw. Bestellung der jeweiligen Direktoren des Zentrums.

Die wichtige Funktion des Vorstandes zeigte sich auch, als 2010 das weitere Schicksal des IFK infolge eines Regierungsbeschlusses plötzlich ungewiss war.

Damals verfügte die seinerzeitige Bildungsministerin die Einstellung der Finanzierung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen, es sei denn sie würden an Universitäten angegliedert werden. Nach der Empörung und des darauf folgenden Einsatzes in- und ausländischer WissenschaftlerInnen und dank der Vision von Reinhard Kannonier, der sich als amtierender Rektor für die Einbindung des IFK in die Kunstuniversität Linz engagierte, konnte das Fortbestehen des IFK mit dem Standort Wien gesichert werden.

 

Das dritte Jahrzehnt (seit 2015/16)

Nach einer Übergangsphase von vier Jahren ist das IFK seit Januar 2015 ein vollwertiges Zentrum der Kunstuniversität Linz und kann seine Arbeit in Wien weiterführen.

Die Angliederung an die Universitätsstruktur hat in der Verwaltung und der technischen Infrastruktur einige grundlegende Veränderungen mit sich gebracht, die wissenschaftliche Unabhängigkeit und Arbeitsweise des IFK blieben jedoch unverändert.

Der Internationale Wissenschaftliche Beirat geht seiner Arbeit wie ehedem nach, und der ehemalige Trägerverein wurde in einen Freundesverein, den Verein der Freunde und Freundinnen des IFK, überführt. Der Fellowbetrieb und das Veranstaltungsprogramm des IFK folgen der altbewährten Struktur.

Die innovative und dynamische Kunstuniversität, die auch über prominent besetzte Abteilungen für Kulturwissenschaften und Architektur verfügt, eröffnet neue spannende Perspektiven für das IFK:

Die drei Forschungsachsen der Kunstuniversität sind künstlerische Forschung, Intermedialität und Raumstrategien, mit dem Ars Electronica Center bestehen Kooperationen auf mehreren Ebenen, das Valie Export Center in Zusammenarbeit mit dem Lentos Kunstmuseum ist gerade im Entstehen.

Die kreativen Institute in Linz, in denen aktuelle Kunst, neue Medien und theoretische Überlegungen zu Phänomenen des 21. Jahrhunderts versammelt sind, werden vom zwanglosen Austausch mit dem internationalen „Forschungssatelliten“ in Wien ebenso profitieren wie das IFK von dem inspirierenden Mutterschiff donauaufwärts.

Bereits seit 2012 zeigt das IFK mit dem Format IFK_Art in seinen Räumen jährlich eine neue Ausstellung mit Arbeiten einer Linzer Kunstklasse: nach der Fotografie-Klasse von Johannes Wegerbauer, der Malerei- und Grafikklasse von Ursula Hübner, der Textil.Kunst.Design-Klasse von Gilbert Bretterbauer und der Klasse visuelle Gestaltung von Tina Frank bespielt 2016/17 die Bildhauerei-Klasse von Tobias Urban und Ali Janka (Gelatin) das IFK.

Am 1. März 2016 hat mit Professor Thomas Macho (Berlin) erstmals ein gebürtiger Wiener die Leitung des IFK übernommen. In über zwei Jahrzehnten hat er als Professor für Kulturgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt Universität zu Berlin sowie mit der Gründung des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik die Kulturwissenschaft als eigenständiges Fach im deutschsprachigen Raum geprägt. Als erfahrener Kurator von Kunstausstellungen führt er auch das Verhältnis zur Kunstuniversität in eine neue Phase.

Seit seiner Ernennung als Direktor inspiriert der Forschungsschwerpunkt „Kulturen des Übersetzens“ international etablierte sowie NachwuchswissenschaftlerInnen bei der Arbeit an ihren kulturwissenschaftlichen Projekten.